Sexualität und Körperlichkeit

Sexualität und Körperlichkeit in Amrita Sher-Gils Kunst

„And art, not excluding religious art has come into being because of sensuality: a sensuality so great it overflows the boundaries of the mere physical.“ - Amrita Sher-Gil

Sleeping Woman

Abb. 1: Amrita Sher-Gil, Sleeping Woman, 1932, Öl auf Leinwand, National Gallery of Modern Art, New Delhi

Amrita Sher-Gil (1913-41) hat sich in ihrer Kunst mit vielen verschiedenen, wichtigen Aspekten befasst, die vor allem die Frauen in den Vordergrund rücken. Die Auseinandersetzung mit der Frau in Religion und Kultur, die Darstellung der Identitätssuche und die Aufarbeitung mit Sexualität und Körperlichkeit. Letzteres beleuchtete sie in Werken wie Sleeping Woman (1932), Selfportrait as a Tahitian (1934) und Two Girls (1939). Doch wie macht sie das? Inwiefern bringt sie uns als Betrachter*innen diese Sexualität und Körperlichkeit nahe und wie veranschaulicht Amrita Sher-Gil das?

In Sleeping Woman, welches in der National Gallery of Modern Art in Neu-Delhi vorzufinden ist, ist ein nacktes, schlafendes Mädchen abgebildet, das aufgrund ihrer Armhaltung fast schon zu posieren scheint. Der rechte Arm liegt ruhig neben ihrem Körper, der linke ist angehoben, streckt den Ellbogen in die Höhe und bildet zusammen mit der flachen Hand ein Dreieck. Diese Mischung aus Positur, den schwarzen Locken, die nach vorn auf die Brust fallen, dem zur Kopf geneigten Seite, dem vollen, roten Mund und dem hellrosa Tuch, welches unter und neben ihr liegt, ergeben diese sehr ästhetisch wirkende Komposition. Zudem begibt sie sich dadurch, dass sie schläft, in eine ausgelieferte Lage gegenüber Personen, die sie in dem Zustand sehen könnten. Die hinzukommende Tatsache, dass sie nackt ist, zeigt ihre offene Stellung gegenüber dieser Gegebenheit, sie scheint entspannt und mit ihrem Körper im Reinen zu sein und hätte kein Problem damit, wenn man sie in dieser Situation erblickt.

Ähnlich verhält es sich in Selfportrait as a Tahitian, welches sich ebenfalls in der National Gallery of Modern Art in Neu-Delhi befindet. Hier sieht man ein Selbstporträt Sher-Gils, welches sie ab der Hüfte aufwärts nackt zeigt. Die langen, schwarzen Haare zu einem niedrigen Pferdeschwanz zusammengebunden, blickt sie eisern zur Seite, weg vom Betrachter. Auch ihr restlicher Körper ist zur Seite geneigt, die Hände kreuzen sich in Höhe ihres Unterleibes. Auf eine gewisse Art und Weise posiert auch sie und verleiht dem Werk mithilfe ihrer Körperlichkeit Ausdruck.

Selfportrait as a Tahitian

Abb. 2: Amrita Sher-Gil, Selfportrait as a Tahitian, 1934, Öl auf Leinwand, 90 x 56cm, Collection of Vivan and Navina Sundaram, Neue Galerie, Kassel

Two Girls

Abb. 3: Amrita Sher-Gil, Two Girls, 1939, Öl auf Leinwand, Collection of Vivan Sundaram, New Delhi

Neben diesen Thematisierungen der Körperlichkeit, behandelt das Werk Two Girls, auch in der National Gallery of Modern Art zu bewundern, die Sexualität von Frauen. Dargestellt sind zwei weibliche Figuren, ebenfalls posierend, die, aufgrund ihrer Nacktheit und unmittelbaren Nähe zueinander, in einer intimen Beziehung zu stehen scheinen. Die stehende Frau blickt nach links zur Seite und hat ihr rechtes Bein gestreckt. Ihr linker Arm ruht auf der Schulter der sitzenden Frau, die ihren Körper zwar mit einem Tuch umhüllt, ihren Blick aber gelöst und zwanglos zur Seite richtet. Die Autorinnen Ruth Vanita und Saleem Kidwai beschreiben in ihrem Buch „Same-Sex Love in India“, dass es viele Gerüchte gab, Amrita Sher-Gil würde mit dem Bild Two Girls ihre intime Beziehung zu der Malerin Mary Louise Chasseny ausdrücken und ausleben.[1] Sher-Gils Mutter, die von diesen Gerüchten gehört hatte, konfrontierte ihre Tochter damit, die dies wiederum abstritt. Laut Vanita und Kidwai sprechen ein paar Indizien allerdings dafür, beispielsweise malte sie einige Portraits von Mary Louise und hang diese in ihrer Wohnung auf.[2] Auch Sher-Gils Neffe erklärt, das Werk stehe für das Begehren zweier Frauen zueinander.[3] Mit Sicherheit sagen, dass Amrita Sher-Gil diese verborgenen Wünsche einer homosexuellen Beziehung hatte, kann man nicht. Was man aber auf jeden Fall erkennen kann, ist der Gegenstand des Werkes, nämlich die innige Beziehung zweier Frauen zueinander. Bei dem Werk wichtig anzumerken ist auch die zusätzliche Thematik, die Sher-Gil aufgreift, die Auseinandersetzung zwischen Hell und Dunkel: „[…] that is also about synthesis or confrontation between dark and light, East and West. In it a fair, nude woman stand upright, her hand on the back of a chair on which a dark girl wrapped in a cloth is seated.“[4] Eventuell kann man hier auch von einer formalen Entscheidung Sher-Gils sprechen, um damit sowohl den farblichen, als auch den symbolischen Kontrast herauszustellen. Weiterhin steht aber die Sexualität der Frau im Vordergrund, in welcher sie frei wählt, wie sie ihr Sexualleben gestaltet. Auch in einem Artikel der New York Times heißt es, eine homosexuelle Beziehung hätte sie gereizt, weil sie die Frau als starke Persönlichkeit wahrgenommen hat.[5] Und das ist letztlich genau das, was sie in ihren Bildern vermittelt. Nicht nur in den Werken, in denen sie sich mit der Sexualität auseinandersetzt, sondern auch in den Bildern, in denen es um die Körperlichkeit geht. „It acknowledges […] an acute awareness of her position as artist and model, Indian and European, woman and professional.“[6] Hier ist die Rede von Selfportrait as a Tahitian, womit sie eben genau diese Dinge darstellt und von denen sie uns mithilfe ihrer Körperlichkeit mitteilt, der weibliche Körper erscheint als Übermittler für sich selbst.

Die Werke weisen viele Parallelen auf, in allen gezeigten Werken sehen wir starkauftretende Frauen, die sich ganz bewusst zur Schau stellen, vom Betrachter gesehen und vor allem wahrgenommen werden wollen, in dem was und wer sie sind. Es sind Frauen, die ihre Sexualität ausleben und mit ihrem Körper „abgeklärt“ sind, diesen sogar als Ausdrucksmittel nutzen, als Ausdruck von Stärke und Kraft. Sher-Gil verbindet in ihren Werken ästhetisches mit Positionierung, Schönes mit Gehalt. Sie stellt nicht einfach nur schöne, nackte Frauen dar, das Besondere an ihren Werken ist die Aussage, die sie anhand dieser dargestellten Frauen tätigt und die man an der bloßen Körpersprache ablesen kann, Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. Natürlich bricht sie mit der Darbietung dieser Thematiken und mit der dadurch entstandenen Modernisierung auch Konventionen innerhalb ihres privaten Lebens, als auch in der Kunst. Es verwundert keineswegs, dass sie mit diesen ausdrucksstarken Werken und ihren Aussagen als großes Vorbild galt und heute immer noch gilt.

[1] Vgl. Kidwai 2000, S. 257.

[2] Vgl. siehe da, S. 257.

[3] Vgl. siehe da, S. 258.

[4] Siehe da, S. 258.

[5] Vgl. The New York Times, https://www.nytimes.com/2018/06/20/obituaries/amrita-shergil-dead.html (Zuletzt abgerufen 25.02.2021).

[6] Khullar 2015, S. 49.

Literatur:

Doctor, Geeta: Amrita Sher Gil: A Painted Life. New Delhi 2002.

Khullar, Sonal: Worldly Affiliations: Artistic Practice, National Identity, and Modernism in India, 1930-1990. Kalifornien 2015.

Kidwai, Saleem / Vanita, Ruth: Same-Sex Love in India: Readings from Literature and History: Readings in Indian Literature. New York 2000.

The New York Times, https://www.nytimes.com/2018/06/20/obituaries/amrita-shergil-dead.html (Zuletzt abgerufen 25.02.2021).

Abbildungen:

Abb. 1: Pinterest, https://www.pinterest.fr/pin/180636635028176387/ (Zuletzt aufgerufen 21.02.2021).

Abb. 2: Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Selbstporträt_als_Tahitianerin (Zuletzt aufgerufen 21.02.2021).

Abb. 3: https://desbianherstory.tumblr.com/post/180444336236/amrita-sher-gil-two-girls-1939-same-sex-love (Zuletzt aufgerufen 21.02.2021).

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