Selbstbild vs. Fremdbild – Über das Image der Frau im 17. Jh.

Élisabeth-Sophie Chéron *1648 † 1711

Élisabeth-Sophie Chéron war eine vielseitig begabte französische Künstlerin und Literatin des Barocks. Nur die wenigsten ihrer Werke sind im Original erhalten, weshalb es umso interessanter ist sich mit den schriftlichen Quellen auseinanderzusetzen, die zu ihrer Person verfasst wurden. Denn bei Zeitgenossen war sie nicht etwa für ihren Intellekt oder ihre Begabung, sondern für ein „unweibliches Äußere“ bekannt. Die talentierte, aber „hässliche“ Frau ist ein Topos, der im 18. Jh. weit verbreitet war und nicht nur auf Chéron übertragen wurde.

Ein vorteilhafter Karrierestart

Abb. 1 Élisabeth-Sophie Chéron, Selbstportrait, 1672, Öl auf Leinwand, 88 x 73cm, Paris, Louvre

Élisabeth-Sophie Chéron wurde am 3. Oktober 1648 in Paris geboren. Sie wuchs in einer bürgerlichen hugenottischen Familie mit ihren zwei jüngeren Geschwistern Anne und Louis auf. Chérons Vater Henri war Miniatur- und Emaillemaler, bei dem sie ihre erste künstlerische Ausbildung im Zeichnen erhielt. Als junges Mädchen wurde sie zur weiteren Erziehung in ein Kloster geschickt. Dort stellte sie sich bereits mit 14 Jahren als begabte Portraitistin heraus: Sie portraitierte nicht nur ihre adeligen Mitschülerinnen, sondern auch die Äbtissin des Klosters Henriette de Lorraine. Diese vermittelte der jungen Chéron weitere vorteilhafte Aufträge im Hochadel ­­– u.a. an die Madame des Ursins, einer einflussreichen Mäzenin mit engen Kontakte zum französischen König Ludwig XIV. Der auch als Sonnenkönig bekannte Herrscher vergab auf Empfehlung seiner Höflinge an einige erfolgreiche Künstler:innen eine jährliche Pension von 500 Livre. So gelangte Chéron bereits durch ihre frühen Auftragsarbeiten an die Gunst des Königs.[1]

« De deux talens [sic] exquis

l’assemblage nouveau

Rendra toujours Chéron l’ornement de la France;

Rien ne peut de sa plume égaler l’excellence,

Que les grâces de son pinceau. [2]

„Die neuartige Verbindung

zweier erlesener Begabungen

Macht Chéron für immer zur Zierde Frankreichs.

Nichts anderes vermag es mit der  Vortrefflichkeit

ihrer Feder aufzunehmen

Als die anmutigen Bewegungen ihres Pinsels.“[3]

Grabinschrift von Abbé Bosquillon über Élisabeth-Sophie Chéron in der Kirche Saint-Sulpice in Paris

Plötzlich Alleinverdienerin

Als Protestant:in war es schwierig im katholischen Frankreich zu leben. Zwar hatte das von König Heinrich IV. erlassene Edikt von Nantes 1598 zunächst für Frieden zwischen Hugenotten und Katholiken gesorgt, die Lage änderte sich jedoch schlagartig mit der Herrschaft seines Enkels Ludwigs XIV. Als überzeugter Katholik veranlasste er zunächst strenge Sanktionen gegen die hugenottische Bevölkerung, bevor er 1685 das Edikt seines Großvaters widerrief. Die Folge: fast 200.000 Protestant:innen verließen Frankreich aus Angst vor religiöser Verfolgung.[4]

Henri Chéron floh bereits 1664 aus Frankreich und ließ seine Familie zurück. Die Kontakte seiner Tochter stellten sich als ein Glücksfall für die Familie heraus, denn durch ihre stetigen und lukrativen Aufträge konnte sie ihre Mutter und Geschwister finanziell unterstützen. Élisabeth-Sophie und ihre jüngere Schwester Anne konvertierten 1668 zum Katholizismus, während ihr Bruder Louis Frankreich ebenfalls verließ. Ob sie die Konfession wechselte, um ihre Aufstiegsmöglichkeiten zu verbessern oder aufgrund des Einflusses ihrer katholischen Mutter, lässt sich heute nicht mit Sicherheit sagen. Geschadet hat es ihrer Karriere jedenfalls nicht – Élisabeth-Sophie Chéron muss so gut verdient haben, dass sie ihrem Bruder ein mehrjähriges Kunststudium in Rom finanzieren konnte.[5]

Die Macht der Worte

Chéron war überaus ehrgeizig und hat wohl bewusst auf die Mitgliedschaft an der Académie Royale de Peinture et de Sculpture (dt. Königliche Akademie für Malerei und Bildhauerei)[6] hingearbeitet. Dafür ließ sie ihre Beziehungen zum Hof spielen und nahm Kontakt zu Charles Le Brun auf, der Hofmaler des Königs und Leiter der Académie war. Gegen Ende des 17. Jh. war in Frankreich eine Debatte über die Künste entbrannt, die den strikten Regeln des absolutistischen Sonnenkönigs folgen sollten. Als Leiter der Académie war Le Brun dafür verantwortlich, diese Regeln für die Malerei festzulegen.[7]

Natürlich waren nicht alle mit der Richtung einverstanden, die die Académie unter Le Brun einschlug. Zu seinen größten Kritikern gehörte der Maler Pierre Mignard. Da Chéron nicht nur Künstlerin, sondern auch Dichterin war, schaltete sie sich auf besondere Weise in die Kunstdebatte ein: sie veröffentlichte ein Gedicht (La Coupe du Val-de-Grâce), in dem sie Le Brun verteidigte und sich auf die Seite der politischen Macht stellte.[8] Das Gedicht war nicht nur eine außergewöhnliche Taktik, es ist auch eines der ersten Beispiele von Kunstkritik aus weiblicher Hand.[9] Die Mühe machte sich bezahlt, denn schon 1672 wurde sie an der Académie aufgenommen. Unter ihren drei Bewerbungsbildern befanden sich ein Selbstportrait (Vgl. Abb. 1) sowie ein Portrait von Le Brun selbst. Chéron war nur eine von insgesamt 15 weiblichen Mitgliedern in der fast 150-jährigen Geschichte der Académie.[10]

Abb. 2 Élisabeth-Sophie Chéron, La Coupe du Val-de-Grâce: réponse au poème de Molière, 1880 (1669), Paris, Bibliothèque nationale de France
Abb. 2 Élisabeth-Sophie Chéron, La Coupe du Val-de-Grâce: réponse au poème de Molière, 1880 (1669), Paris, Bibliothèque nationale de France

Von der Malerei zu Kupferstich und Literatur

Abb. 3 Élisabeth-Sophie Chéron (Zeichnung), Pierre-François Basan (Druck), Portrait der Madame d’Aulnoy, Kupferstich, 16,3 x 11,9 cm, Paris, Bibliothèque nationale de France
Abb. 4 Élisabeth-Sophie Chéron, Bacchus heiratet Ariadne auf der Insel Naxos, 1710, Kupferstich, Paris, Bibliothèque nationale de France

Die Aufnahme an der Académie war zweifellos eine große Ehre, Chérons Karriere wurde dadurch aber kaum beeinflusst. Zwar durfte sie ihre Werke bei den Salonausstellungen im Louvre präsentieren, weitere Académie-Privilegien wie Lehrtätigkeiten, der Besuch von Aktklassen, Staatsaufträge oder Auszeichnungen blieben Frauen allerdings verwehrt.[11]

Das Repertoire der Künstlerin war überaus umfassend: neben (Selbst-) Portraits fertigte sie auch Allegorien, religiöse Gemälde, Landschaften und Historienbilder an. Sie war ebenfalls eine der ersten Pastellmalerinnen Frankreichs und eine bekannte Gemmenschneiderin.[12] Schließlich wandte sie sich dem Kupferstich zu: Durch die Möglichkeit der Vervielfältigung konnten sich Kupferstiche schneller und weiter verbreiten. Chérons Spezialität waren Reproduktionen und Nachstiche von berühmten Werken und Gemmen anderer Künstler – besonders angetan war sie von Raffael. Die Drucke sind zumeist nicht datiert und unterschieden sich stilistisch nicht voneinander. Als kommerzielle Massenaufträge boten sie ihr bessere Verdienstmöglichkeiten als die Malerei.[13]

Chéron betätigte sich nicht nur als Künstlerin und Dichterin, sie war auch Übersetzerin von religiösen Schriften und klassischer Literatur aus dem Hebräischen und Lateinischen.[14] Ihr schriftstellerisches Talent brachte ihr 1699 sogar die Mitgliedschaft an der Accademia dei Ricovrati in Padua ein, an der sie unter dem Namen Erato, der griechischen Muse der Liebeslyrik, aufgenommen wurde.

Daneben unterhielt sie in ihrer Wohnung einen Kunst- und Literatursalon: Dort übernahm sie die Rolle des Oberhaupts einer Künstlerfamilie, in dem sie ihre jüngere Schwester in Malerei unterrichtete und ihre beiden Nichten Anne und Ursule de Lacroix zu Kupferstecherinnen ausbildete. Ein Skizzenbuch mit Figuren und Körperteilen nach Malereien Raffaels (Livre à dessiner) diente dabei wohl als eine Art Übungsbuch.[15]

Die letzten Jahre der Künstlerin

1692 heiratete Chéron mit 44 Jahren den königlichen Ingenieur Jacques Le Hay. Sie heiratete weder aus finanziellen Gründen noch aus Liebe – sie selbst bezeichnete die Ehe als eine union philosophique. Die politische Lage in Frankreich hatte sich für die Künstlerin zum Schlechteren entwickelt: Mit dem Wechsel des königlichen Ministers verlor Chérons früherer Förderer Le Brun langsam an Macht, zugunsten seines früheren Konkurrenten Mignard. Die Ehe mit einem Mann, der sie in ihren vielseitigen Tätigkeiten nicht einschränkte, erleichterte ihr das Leben als selbstständige Künstlerin.[16]

Nach ihrer Hochzeit sind keine schriftlichen Quellen mehr über Chérons Leben bis zu ihrem Tod am 5. September 1711 überliefert. In einer Schaffensperiode von fast 50 Jahren hat Chéron unzählige (Selbst-) Portraits, Gemälde und Kupferstiche geschaffen, die heute zum größten Teil verschollen sind. Nur noch ein Selbstportrait (Vgl. Abb. 1), eine Handvoll Gemälde sowie ca. 60 Stiche[17] sind von ihrem umfangreichen Werk (Vgl. Abb. 5-10) erhalten.

"Ganz passabel für eine Frau"

Der gesamte Ausschuss der Académie, der Chérons Aufnahme bewertet hatte, lobte ihre Fähigkeiten – die über die gewöhnlichen Anlagen ihres Geschlechts hinausgehen würden.[18] Richtige Anerkennung haben Frauen in der Frühen Neuzeit nur selten erhalten: Ihre Begabungen waren „gut für eine Frau“ aber eben auch nicht mehr.[19] Wie Chérons Kompetenzen von ihren Zeitgenossen bewertet wurden, zeigt sich auch an einem weiteren Beispiel: Vertron entwarf der Künstlerin zu Ehren ein Wappen – Pinsel und Federkiel in einem Lorbeerkranz – mit dem folgenden Motto:

« Lorsque Chéron prend son pinceau,

Sans peine elle ferait trembler celui d’Apelle ;

Et lorsque son esprit par un effort nouveau

S’abondonne [sic] aux travaux

où sa muse l’appelle,

On doute qui des deux, ou d’Apollon ou d’elle,

Se sert d’un langage plus beau. »[20]

„Wenn Chéron ihren Pinsel ergreift,

Lässt sie Ohn‘ alle Müh‘ den Apelles erzittern:

Und wenn ihr Geist in einem  neuen Taumel

des Entzückens

Sich der Arbeit hingibt, zu der die Muse sie rief,

Fragt man sich, welcher der Götter,

Apollo oder sie selbst,

Sich einer schöneren Sprache bedient.“[21]

Mit der Andeutung, Chéron male mühelos, platzierte Vertron sie außerhalb der künstlerischen Tradition[22]: Nicht ihre gute Ausbildung wurde als Begründung für ihre „außergewöhnlichen“ Fähigkeiten herangezogen, sondern „göttliche Inspiration“, ein Wunder der Natur. Und den Preis, den Frauen für ihr gottgegebenes Talent zahlen würden, sei der der Hässlichkeit.[23]

Eine talentierte Künstlerin... aber hässlich?

Abb. 11 Unbekannt, Portrait von Élisabeth-Sophie Chéron in Dézailler d’Argenvilles Künstlerbiografie, 1745-1752, Kupferstich, Paris, Bibliothèque nationale de France

Bereits kurz nach ihrem Tod wurden einige Biografien zu Chérons Leben und Werk verfasst. Eine stammt von ihrem Zeitgenossen Antoine-Joseph Dézailler d’Argenville, der sie persönlich gekannt hat. In seiner Künstlerbiografie Abrégé de la vie de peintres (dt. Abriss des Lebens von Malern) lobt er ihre künstlerischen Fähigkeiten: die schöne Tonalität ihrer Farben, ihr Verständnis für Harmonie, die gut getroffenen Draperien sowie die Leichtigkeit ihrer Pinselführung.[24] Gleichzeitig merkte er aber auch an, dass viele ihrer Zeichnungen und Stiche zum größten Teil Kopien anderer Künstler seien. Nur selten habe sie eigene Motive entwickelt.[25] Daneben charakterisierte er sie als tugendhafte, bescheidene und wohltätige Frau.[26] Ihr Aussehen beschrieb er wie folgt:

« [J]e pourrois [sic] dire, l’ayant vue souvent,

que la nature s’étoit [sic] méprise dans

Mademoiselle Chéron, ainsi que dans Madame

Dacier : on voyoit [sic], pour ainsi dire, dans

ces deux illustres femmes, les traits de deux

grands hommes. »[27]

„Ich kann sagen, nachdem ich sie oft gesehen

habe, dass sich die Natur in Mademoiselle Chéron

ebenso geirrt hat wie in Madame Dacier: man sah

sozusagen in diesen beiden illustren Frauen die

Züge zweier großer Männer.“

In seinen Künstlerbiografien hat Dézailler d’Argenville nicht nur Chérons Aussehen kommentiert: Auch den Künstlerinnen Rosalba Carriera und Maria Sibylla Merian attestierte er zwar herausragendes Talent und einen guten Charakter, bezeichnete sie aber auch als unweiblich.[28]

Der Preis der Frau für ihre Intelligenz

« L’éloge du caractere [sic] ou de l’esprit d’une femme

est presque toûjours [sic] une preuve de laideur. »[29]

 

„Das Lob des Wesens oder des Geistes einer Frau

ist fast immer ein Beweis für Hässlichkeit.“

Denis Diderot und Jean-Baptiste le Rond d’Alembert, Eintrag zu „femme“, in: Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts de des métiers, Paris 1751

Die Darstellung Dézaillers von erfolgreichen Künstlerinnen war durchaus nicht ungewöhnlich für die damalige Zeit – wie beispielsweise das Zitat aus der Encyclopédie Diderots von 1751 zeigt. Auch in Immanuel Kants Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen (1764) findet sich der Topos wieder, eine Frau könne nicht intelligent und schön zu gleich sein: „Tiefes Nachsinnen“[30], fleißiges studieren oder abstraktes Wissen seien im Metier des Mannes zu verorten. Bei einer Frau sei Intelligenz mitunter zwar bewundernswert, schwäche andererseits aber ihre von der Natur gegebene Schönheit.[31] Er folgte damit einem Trend, Frauen nur dann Fähigkeiten oder Intelligenz zuzugestehen, wenn ihr Äußeres „entweiblicht“ wird:

„Ein Frauenzimmer, das den Kopf voll Griechisch hat, wie die

Frau Dacier [Anne Dacier], oder über die Mechanik gründliche

Streitigkeiten führt, wie die Marquisin von Chastelet

[Émilie du Châtelet], mag nur immerhin noch einen Bart dazu

haben; denn dieser würde vielleicht die Miene des Tiefsinns noch

kenntlicher ausdrücken, um welchen sie sich beide bewerben.“[32]

Das Absprechen von Weiblichkeit diente als Erklärung für das „außergewöhnliche“ Talent einer Frau in einer als „typisch männlich“ angesehenen Tätigkeit.[33] Auch sollte es den ungewöhnlichen Lebensweg rationalisieren, den einige Frauen gingen – statt Ehe und Mutterschaft ein Leben als selbstständige und in der Öffentlichkeit stehende Karrierefrauen.[34]

Wie sah sie nun aus?

Betrachtet man Chérons Selbstportrait (Vgl. Abb. 1), lässt sich Dézaillers Kommentar zu ihrem „hässlichen“ und „unweiblichen“ Äußeren nur schwer nachvollziehen. Natürlich muss beachtet werden, dass sich Chéron in ihren Selbstportraits nicht zwingend naturgetreu wiedergegeben hat. Dennoch liegt die Vermutung nahe – in Anbetracht der damaligen Sicht auf talentierte Frauen – dass Chérons Zeitgenossen das Aussehen der Künstlerin falsch dargestellt oder bei ihren Beischreibungen zumindest stark übertrieben haben.

Warum sich überhaupt mit dem Aussehen einer Künstlerin beschäftigen? Im Grunde genommen ist es natürlich unwichtig, wie Chéron aussah. Ob ein Mensch den gängigen Schönheitsidealen entspricht oder nicht, hat nichts mit seinen Fähigkeiten zu tun. Aber wie die Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Quellen gezeigt hat, wurde das nicht immer so gesehen. Es macht also durchaus Sinn sich damit zu beschäftigen, wie talentierte und intelligente Frauen in den letzten Jahrhunderten vor allem von ihren männlichen Zeitgenossen gesehen wurden.

Abb. 12 Élisabeth-Sophie Chéron, Portrait der Madame Deshoulières oder Selbstportrait, 17. Jh., Öl auf Leinwand, 44,5 x 40 cm, Chantilly, Musée Condé

Schreibe einen Kommentar