Rosalba Carriera

Rosalba Carriera *1673 †1757

Die 1673 in Venedig geborene Künstlerin Rosalba Carriera hat mit ihrer Miniatur- und Pastellmalerei zur Zeit des Rokokos die europäische High Society porträtiert. Ihre außergewöhnliche Karriere steht deshalb im Mittelpunkt dieses Beitrags.

Text von Cristiana Petta

Karrierevoraussetzungen

Die Voraussetzungen für Rosalba Carrieras künstlerische Karriere waren eigentlich nicht ideal. Sie stammte aus bescheidenen Verhältnissen. Der Vater war Beamter und zusammen mit ihren zwei Schwestern unterstützte Rosalba ihre Mutter, die im Spitzenhandwerk tätig war. Über ihre künstlerische Ausbildung ist im Grunde nichts bekannt[1] und es ist durchaus wahrscheinlich, dass sie Autodidaktin war und ihr künstlerisches Talent bei der Anfertigung von Stick- und Spitzenmustern entwickelte.[2] Als die Nachfrage nach der venezianischen Spitze aufgrund der Konkurrenz aus Flandern nachließ, verlagerten Rosalba und die Schwestern ihr Kunsthandwerk auf Miniaturen. Ein kluger Schachzug Rosalbas: Was als „Souvenir“ zur Aufbesserung der Familienkasse begann, wurde zum großen Sprungbrett in die Karriere.

Abb. 1 Rosalba Carriera, Selbstporträt, 1708-09, Pastell auf Papier, 71 x 57 cm, Florenz, Uffizien

Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten

Natürlich ist dieser Erfolg auch eng mit ihrem Geburtsort verbunden. Venedig war damals zwar noch eine internationale Groß- und Handelsmacht, obgleich sich auch der langsame Niedergang der Stadt bis zum Verlust der Unabhängigkeit 1797 schon bemerkbar machte. Dieser Wandel Venedigs ließ eine reichhaltige Kulturproduktion entstehen. Venedig wurde zur weltweiten Touristenattraktion, ja regelrecht zum Sehnsuchtsort der europäischen Elite: Theater und Cafés wurden eröffnet, es gab viele Festivals und der berühmte Karneval wurde ins Leben gerufen. In Venedig gab es Zerstreuung jeder Art und der Genuss der Sinne wurde durch Musik, Malerei und Kunstgewerbe bereichert. Schon damals gab es 30.000–40.000 Reisende jährlich, die bereit waren, viel Geld auszugeben und die Geschenke nach Hause mitnehmen wollten.[3] Und genau hier traf Rosalba mit ihren Miniaturen den Zahn der Zeit.

Abb. 2 Rosalba Carriera, Friedrich Augustus, später König Augustus III. von Polen, ca. 1720, ovale Miniatur auf Elfenbein, 6 x 5 cm, Privatsammlung || Die Bedeutung, die der Kurfürst von Sachsen als Sammler für Rosalba Carriera hatte, kann man heute noch an der großen Anzahl an Werken in der Staatlichen Kunstsammlung in Dresden sehen.
Abb. 3 Rosalba Carriera, Schnupftabakdose, 1732-1738, Metallarbeit (Gold), Elfenbein, 2,5 x 8,4 x 5,9 cm, New York, Metropolitan Museum of Art
Abb. 3 Rosalba Carriera, Schnupftabakdose, 1732-1738, Metallarbeit (Gold), Elfenbein, 2,5 x 8,4 x 5,9 cm, New York, Metropolitan Museum of Art || Hier eine der wenigen fotografisch festgehaltenen Beispiele einer Schnupftabakdose. Da Miniaturen nur schwer ausstellbar sind, werden sie zumeist in besonderen Schränken aufbewahrt und nur selten für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Die Bedeutung der Miniaturmalerei

Die Miniaturmalerei war in Italien kaum verbreitet und wurde eher als minderwertige Kunst betrachtet. Dafür erfreute sie sich größter Beliebtheit in England, Frankreich, Dänemark und Deutschland. Rosalbas ebenso kluge wie ökonomisch äußerst lukrative Strategie bestand darin, mit der Miniaturmalerei eine Nische zu besetzen. Sie erkannte also nicht nur die große Nachfrage der zahlungskräftigen Kundschaft, sondern konnte auch alle Wünsche dieses sehr individuellen und privaten Publikums bedienen. Sie war und blieb in Venedig fast konkurrenzlos, da sie von ihren männlichen Kollegen förmlich übersehen wurde.[4]

Schnell erkannte Carriera die Vorteile der Miniatur, nicht nur wegen der großen Nachfrage, sondern auch was Transportmöglichkeiten und schnelles Arbeiten angeht. Ferner konnte sie die ein oder andere Miniatur verschenken, um auf sich aufmerksam zu machen und neue Kundschaft zu akquirieren – ein kluges Direktmarketingkonzept. Rosalba Carriera bemalte Tabakdosen und andere kleine Objekte und bediente damit die Mode des Rokokos, indem sie raffinierte Artefakte und kleine Kunstwerke als Statussymbole mit ihrer individuellen Malerei aufwertete.

Vor allem die Herstellung von Tabakdosen war zur damaligen Zeit en vogue, da Schnupftabak vorzugsweise in den wohlhabenden und adeligen Kreisen als Symbol für Ansehen und Reichtum aufkam. Die Tabaksteuer war damals so hoch, dass nur besonders privilegierte Personen sich ein solches Gut leisten konnten. Schnupftabak wurde sowohl von Herren als auch von Damen konsumiert, und so wurde die Tabakdose zum unentbehrlichen Toilettengegenstand und musste auch in seiner Ausgestaltung den entsprechenden Ansprüchen genügen.[5] Rosalbas besonderes Talent schaffte hier eine große Nachfrage. Ihre Kundschaft fand sie vor allem unter Reisenden, Kaufleuten und Diplomaten und so wurde Rosalba in Europa bekannt, ohne Venedig verlassen zu müssen und baute sich quasi nebenbei ein hochkarätiges internationales Netzwerk auf. Rosalba musste ihre Kundschaft nicht suchen, sie kam zu ihr.

Miniaturmalerei auf Elfenbein​

Rosalba Carriera spezialisierte sich in Miniaturen auf Elfenbein und traf damit den Zeitgeist nach etwas Exotischem, was ihre Artefakte besonders wertvoll machte. Da sie in der Handelsstadt Venedig lebte, konnte sie sich dieses kostbare Material leichter beschaffen als anderswo. Dennoch war Elfenbein insgesamt ein schwer zu verarbeitendes Material, da es wasserabweisend, zerbrechlich und leicht verformbar ist. Auch reagiert es stark unter Feuchtigkeits- und Temperaturschwankungen.  Trotzdem stellte die Künstlerin sich den technischen Herausforderungen dieses Mediums, da sie auch dessen besondere Merkmale schätzte. Die halbtransparente Eigenschaft des Elfenbeins bot ihr die Möglichkeit, besondere Lichteffekte zu erzeugen, indem sie einige Teile der Miniatur, vorzugsweise die Hautpartien, unbemalt ließ. Im Umgang mit dem Elfenbeinträger entwickelte Rosalba eine eigene, einzigartige Technik, die der Ölmalerei sehr ähnlich war, und mit der sie eine überzeugende Naturnähe erzeugen konnte. Die mit viel Weiß vermischte Gouachefarbe trug sie mit breiten Pinselstrichen auf und bewirkte durch ihre Malweise eine große Lebendigkeit und Leuchtkraft. Durch diese besondere Verarbeitungstechnik machte Rosalba Elfenbein als Medium international populär.[6]

Abb. 4 Rosalba Carriera, Eine Frau mit Blumen im Haar, 1710, Gouache auf Elfenbein, Cleveland (Ohio), Cleveland Museum of Art

Verdiente Anerkennung

Schließlich erhielt Rosalba Carriera doch noch die verdiente Anerkennung für ihr Werk, weil sie sich in ihren Miniaturen auch den großen Themen der Malerei – den Mythologien und Allegorien – widmete. 1705 wurde sie in die Accademia Nazionale di San Luca in Rom aufgenommen, eine Auszeichnung, die vor ihr nur Künstlerinnen wie Elisabetta Sirani und Lavinia Fontana gelungen war. Unterstützt hatte sie dabei der britische Diplomat Christian Cole, ein langjähriger Freund, Bewunderer und Förderer Rosalbas. Durch seine Kontakte machte er sie in Rom bekannt und schlug sie für die Aufnahme in der Akademie vor. Als Bewerbung reichte Carriera eine wunderschöne Miniatur aus Elfenbein ein: Mädchen mit Taube – als Allegorie für die Unschuld. Die Miniatur ist in zarten Blau-Weiß-Tönen gehalten und zeigt ein kleines Mädchen, das durch seinen offenen Blick und einem zarten Lächeln die Betrachtenden verzaubert. Auf seinem Schoss hält es eine weiße Taube, die mit ihren geöffneten Flügeln zu flattern scheint. Trotz der reduzierten Größe beweist es die ganze Meisterschaft Rosalbas.

Abb. 5 Rosalba Carriera, Mädchen mit Taube, 1705, Gouache auf Elfenbein, 15 x 10 cm, Rom, Accademia Nazionale di San Luca

Die Entdeckung der Pastellmalerei

Wahrscheinlich angeregt und bestärkt durch ihre langjährigen Freunde Christian Cole und Graf Antonio Maria Zanetti, ein Kunsthändler, Sammler, Karikaturist und Kupferstecher, entdeckte Rosalba Ende des 17. Jahrhunderts die Pastellmalerei für sich. Zumindest weiß man aus zahlreichen Korrespondenzen, dass der britische Diplomat der Künstlerin regelmäßig Pastellstifte schickte.[7] Auch hier erwarb Carriera ihre Kenntnisse des neuen Mediums wahrscheinlich autodidaktisch und erschloss sich damit in Italien abermals eine Nische. Mit der Pastellmalerei traf sie einen europäischen Geschmack, während in Italien das Pastell als Buntstiftmalerei nicht besonders beliebt war. Die Vorteile dieser Technik sind verschiedene: keine Trockenzeiten, kürzere Sitzungen als bei Öl, gute Transport- oder Versandmöglichkeiten. So konnte sie weiter ihre internationale Kundschaft bedienen. Sie entwickelte in der Pastellmalerei eine so große Meisterschaft, dass es für Sammler:innen wichtig wurde, eine „Carriera“ zu besitzen. Auch hier malte sie nicht nur Porträts, sondern verhandelte ebenso Themen der Historienmalerei.

Reise nach Paris

1715 lernte Rosalba Carriera den französischen Bankier Pierre Crozat kennen, der ein großer Kunstkenner, Sammler und Bewunderer Rosalbas war. Auf vermehrtes Drängen des Bankiers, willigte die Künstlerin schließlich ein, ihn in Paris zu besuchen und machte sich 1720 zusammen mit ihrer Mutter und ihren zwei Schwestern auf ihre erste Auslandsreise. Als männliche Begleitung war Antonio Maria Zanetti dabei, der ebenfalls die Freundschaft zu Crozat teilte. Dieser einjährige Aufenthalt in Paris bedeutete für Rosalba einen enormen Karriereschub, da sie durch den Bankier in die höchsten aristokratischen Kreise eingeführt wurde. Alles was Rang und Namen hatte, wollte von Rosalba gemalt werden. Diese große Flut an Aufträgen konnte sie gar nicht mehr bewältigen, so dass sie Anfragen ablehnen muss, obwohl ihr unvorstellbar hohe Summen angeboten wurden.[8]

Ein besonderer Höhepunkt ihres Aufenthalts in Paris, der ihren privilegierten Stand beweist, war, die Porträtsitzung mit dem 10-jährigen Dauphin und späteren König Ludwig XV. In diesem Porträt erzeugte sie eine solche Intimität und Nähe zum Prinzen, wie es vor und nach ihr niemals mehr erreicht wurde.

Insgesamt ist dies die große und für die damalige Zeit innovative Besonderheit in den Porträts Rosalba Carrieras: Sie schafft durch eine extreme Nahsicht eine implizierte Vertrautheit und Intimität zu dem Dargestellten.[9]

Und noch ein großes Ereignis muss im Zusammenhang mit ihrem Aufenthalt in Paris erwähnt werden: Ihre Aufnahme in die Académie Royal de Peinture et de Sculpture. Zwar hatte sie bereits im März 1721 Paris wieder verlassen, aber noch im Oktober desselben Jahres reichte sie das Pastell Nymphe aus dem Gefolge Apollos ein, wofür ihr von der Akademie die unbestrittene Meisterschaft in der Technik der Pastellmalerei offiziell bestätigt wurde.[10] Mit ihrer besonderen Technik beeinflusste Rosalba das Medium der Pastellmalerei nachhaltig.

Insgesamt war ihr Aufenthalt in Paris ein voller Erfolg: Sie fuhr als Meisterin in der Miniaturmalerei dorthin und kam als „The Queen of Pastel“ wieder nach Venedig. Sie war auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angelangt und wurde zum künstlerischen Aushängeschild der Lagunenstadt. Ein Besuch von Rosalbas Atelier gehörte zum Standardprogramm ausländischer Würdenträger. In dem Zusammenhang noch ein schönes Beispiel für ihren Ruhm: Als Friedrich IV. für einen längeren Besuch nach Venedig kam und ihm zu Ehren in der Stadt viele Bälle und andere Festlichkeiten veranstaltet wurden, wollte er von Rosalba Carriera begleitet werden. Die Begründung dafür war, dass die vornehmste und würdigste Begleitung für einen Kronenträger das Genie sei.[11]

Abb. 9 Rosalba Carriera, Ludwig XV. von Frankreich als Dauphin, 1720-1721, Pastell auf Papier, 50,5 x 38,5 cm, Dresden, Staatliche Kunstsammlung Gemäldegalerie Alte Meister
Abb. 10 Rosalba Carriera, Nymphe aus dem Gefolge Apollos, 1720-1721, Pastell auf Papier, 61,5 x 54,5 cm, Paris, Louvre

Die Unternehmerin

Rosalba Carrieras Erfolg gründete sich nicht nur auf ihrer großen künstlerischen Meisterschaft, sondern auch auf ihren klugen Marketingstrategien und Vernetzungen. Rosalba entschied sich für private Unabhängigkeit und verzichtete auf eine Eheschließung. Das machte es für sie nicht unbedingt einfacher, da Frauen eigentlich keine Geschäfte betreiben durften. Dennoch entwickelte sie ein geschicktes System für Verkaufspreise und nutzte die Unterstützung ihres Patenonkels Carlo Gabriele, der Notar war. Sie schloss langjährige Freundschaften mit Männern, wie beispielsweise den bereits erwähnten Zanetti, Cole und Crozat und machte deren Netzwerke und Kontakte für sich fruchtbar, aber vor allem auch deren männliche Unterstützung, die damals für eine Frau unentbehrlich war.

Sie war eine hervorragende Geschäftsfrau und verdiente unglaublich viel Geld mit ihrer Kunst. Aber sie hatte auch noch weitere Einkünfte, beispielsweise als Gutachterin für Kunst und als Kunsthändlerin. Ihre Geschäftstüchtigkeit zeigte sie auch darin, dass sie private Kredite vergab und in die venezianische Seidenzunft investierte.

Sie wohnte in einem Palazzo am Canal Grande und schaffte dort einen öffentlichen Raum, indem sie ihr Atelier gleichzeitig als Galerie, Geschäftsraum und internationale Begegnungsstätte inszenierte. Hier bildete sie auch Künstlerinnen aus. Um ihren guten Ruf zu wahren, war sie nie mit einem Kunden alleine.

Bei allem was sie tat, pflegte sie das Image als jungfräuliche, zölibatäre Frau, die sich bescheiden gibt und für die Familie sorgt. Zeit ihres Lebens kümmerte sie sich um ihre Mutter und die Schwestern und auch dies war eine kluge Strategie, um als alleinstehende Frau Geschäfte tätigen zu können, ohne ins Gerede zu kommen.

Als sie im Jahre 1757 vollkommen erblindet verstarb, war Rosalba eine der berühmtesten und reichsten Menschen Venedigs – und heute weiß leider fast niemand mehr, wer „The Queen of Pastel“ ist.

Abb. 11 Rosalba Carriera, Selbstbildnis als Winter, 1730-1731, Pastell auf Papier, 113,4 x 162 cm, Dresden, Staatliche Kunstsammlung Gemäldegalerie Alte Meister || Rosalba malt sich als Allegorie für den Winter und stellt sich als ältere Frau dar, mit einem königlichen Hermelin - sie ist The Queen of Pastel!
Abb. 12 Antonio Maria Zanetti, Karikatur von Rosalba Carriera, 1720-1730, braune Kohle auf Papier, 9 x 6,9 cm, Venedig, Fondazione Giorgio Cini
Abb. 12 Antonio Maria Zanetti, Karikatur von Rosalba Carriera, 1720-1730, braune Kohle auf Papier, 9 x 6,9 cm, Venedig, Fondazione Giorgio Cini || Talentierte Frauen wurden von Männern damals gerne als männlich angesehen, um ihre Genialität zu begründen. Hier ein schönes Beispiel einer zeitgenössischen Karikatur. Für Rosalba war es nicht schlimm, als hässlich und männlich bezeichnet zu werden. Im Gegenteil: Mit so einem Ruf konnte sie ihre Ehelosigkeit noch besser begründen.

Weiterführende Informationen

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Noch mehr über Rosalba Carriera gibt es in der neuen Podcastfolge am 20. Juli 2021: Die Kunsthistorikerin Angela Oberer spricht über das Leben und Werk Rosalbas, berichtet von der Recherche für ihre Biografie und erzählt von ihren Bemühungen, die Künstlerin wieder sichtbar zu machen.

Literaturhinweis

The Life and Work of Rosalba Carriera (1673-1757): The Queen of Pastel is the first extensive biographical narrative in English of Rosalba Carriera. It is also the first scholarly investigation of the external and internal factors that helped to create this female painter’s unique career in eighteenth-century Europe. It documents the difficulties, complications, and consequences that arose then – and can also arise today – when a woman decides to become an independent artist. This book contributes a new, in-depth analysis of the interplay between society’s expectations, generally accepted codices for gendered behaviour, and one single female painter’s astute strategies for achieving success, as well as autonomy in her professional life as a famed artist. Some of the questions that the author raises are: How did Carriera manage to build up her career? How did she run her business and organize her own workshop? What kind of artist was Carriera? Finally, what do her self-portraits reveal in terms of self-enactment and possibly autobiographical turning points?

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