Malerinnen des 16. & 17. Jahrhunderts

Künstlerinnen im "Male White Cube"

by Anna Buchmayer, Ann-Kathrin Illmann & Yasmin Amling

Ein Kommentar zur musealen Präsentation weiblicher Kunst

Seit Jahrzehnten schlummern sie hinten in den dunklen Tiefen der Depots: Die Arbeiten vieler weiblicher Künstlerinnen werden in den ständigen Samm-lungen der Museen nur selten gezeigt. Von der Vielzahl an Kunstwerken, die es in den Ausstellungsräumen zu bewundern gibt, ist es oft nur ein Bruchteil, der von Frauen geschaffen wurde. Höchste Zeit, die hervorragenden Arbeiten der Künstlerinnen aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken und der Welt zu präsentieren!

 

Letizia Treves kuratierte die Ausstellung Artemisia in der National Gallery in London, 2020.


Abbildungsnachweis: https://www.nationalgallery.org.uk/about-us/press-and-media/press-releases/new-online-curator-s-tour-of-artemisia-launched (letzter Zugriff am 01.03.2021)

Who runs the (Art) World?

„Do women have to be naked to get into the Met. Museum?“ Diese Frage stellten die Guerilla Girls, eine aus feministischen Aktivistinnen bestehende Künstlergruppe, vor nun bereits über 30 Jahren, um auf das augenfällige Ungleichgewicht zwischen ausgestellten Exponaten von weib-lichen und männlichen Künstlern aufmerksam zu machen. Während 85 Prozent der Aktdarstellungen des Metropolitan Museums weibliche Körper zeigten, stammten weniger als 5 Prozent der in der Modernen Abteilung präsentierten Kunstwerke von Frauen. [1]

Was hat sich seitdem verändert? 

Beim Rundgang durch die ständigen Sammlungen der Museen lässt sich stets das gleiche Missverhältnis von weiblicher und männlicher Kunst beobachten. In der Alten Nationalgalerie in Berlin beispielsweise stellen die Werke von Frauen nur rund zwei Prozent des gesamtes Bestandes dar. [2] Wer Arbeiten von Künstlerinnen bestaunen will, muss zumeist gezielt danach suchen. Es scheint, als sei die Institution des Museums in erster Linie ein „Male White Cube“, ein Raum, dessen weiße, neutrale Wände vorzugsweise mit Exponaten männlicher Künstler bespielt werden. [3] 

Dass in den Ausstellungshäusern kaum Werke von Frauen gezeigt werden, ist jedoch nicht einfach nur schade, es erweckt zudem ein falsches Bild: So könnte das Fehlen von weiblichen Perspektiven auch zu dem Trugschluss führen, dass es keine Kunst von weiblichen Künstlerinnen gegeben hat und das ist, wie unser Projekt Artherstories eindrücklich vor Augen führt, nicht wahr!

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[1]    Siehe Guerrilla Girls 1989.
[2]    Siehe Korthase 2019.
[3]    Zum Begriff des White Cube siehe bspw. Brüderlin 2013. 

Spotlight on!

Im Zuge der Feminismus-Debatte hat sich besonders in den letzen Jahren schon viel getan. Einige Museen sind bereits dabei, ihre Sammlungspräsentation neu zu organisieren, um auch weiblicher Kunst eine Plattform zu bieten. So hat etwa die Tate, seit 2017 zum ersten Mal in der Geschichte des britischen Museumsverbandes unter weiblicher Leitung, 2019 angekündigt, den Anteil von Künstlerinnen in ihren Gallerien fortan zu erhöhen. Die Ausstellung über britische Künstlerinnen aus den 1960er Jahren stellt einen Teil des laufenden Engagements dar, Kunst von Frauen mehr Raum zu geben. [4]

Vermehrt lässt sich der Trend beobachten, dass viele Kunst- und Ausstellungs-häuser immer häufiger Einzelausstellungen ausgewählter Künstlerinnen zeigen. Sei es die Londoner Schau zu Artemisia Gentileschi in der National Gallery, die Düsseldorfer Ausstellung zu Angelika Kauffmann im Kunstpalast oder die Wuppertaler Präsentation zu Paula Modersohn-Becker im Von der Heydt-Museum. Dabei gilt stets der Anspruch, Künstlerinnen den Raum zu geben, den sie und ihre Kunst verdienen.

Diese sogenannten Blockbuster-Ausstellungen sind ein wertvolles Instrument, Frauen in der Kunstwelt Aufmerksamkeit zu schenken, sie wie mit einem Spotlight zu beleuchten und die Werke ihrer männlichen Kollegen metaphorisch gesehen für einen Augenblick in den Schatten zu stellen. Um Kunst von Frauen aber dauerhaft sichtbar zu machen, um immer und überall deutlich werden zu lassen, Künstlerinnen hat es zu jeder Zeit gegeben, müssen ihre Arbeiten in den ständigen Sammlungen präsent sein. Erst wenn weibliche Kunst direkt neben männlicher Kunst hängt, ist ein Schritt in Richtung Gleichberechtigung getan. Sonderausstellungen sind zweifelsohne wichtig, aber ohne die selbstverständliche Präsentation, auf Augenhöhe mit Monet, Van Gogh oder Picasso, bleiben sie eine Art Frauenquote im Museum.

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[4]    Siehe Tate 2020.  

Artemisia - Ein Fallbeispiel

Letztes Jahr (4. April – 26. Juli 2020) fand in der National Gallery in London die bereits erwähnte Sonderausstellung zu Artemisia Gentileschi statt, ihre – anlässlich des Erwerbs des Gemäldes Selbstporträt als Heilige Katharina von Alexandria – erste monographische Präsentation in Großbritannien. [5] Artemisia Gentileschi (1593­–1654) gilt als eine der bedeutendsten italienischen Historienmalerinnen des frühen 17. Jahrhunderts. Allen traditionell geltenden Konventionen zum Trotz, nahm sie sich Themen an, die eigentlich nur männlichen Künstlern vorbehalten waren und schilderte Geschichten wie etwa die biblische Erzählung von Judith und Holofernes aus einer weiblichen Perspektive. 

Nach Gentileschis eigenem Motto „Farò vedere a vostra Signoria Illustrissima quello che sa fare una donna“ („Ich werde Eurer verehrten Lordschaft zeigen, was eine Frau tun kann“) inszenierte die National Gallery die barocke Ausnahmekünstlerin in ihrer Onlinepräsenz vor allem als eine für ihr Geschlecht einstehende Frau, die in ihren Bildern „sanftmütige Dienst-mädchen in mutige Verschwörerinnen und Opfer in Überlebende [verwandelte]“. [6]

Hätte man eine solche Künstlerinnenpersönlichkeit geduzt? 

Sowohl der Ausstellungstitel als auch die online einzusehenden Texte auf der Website der National Gallery nennen stets nur den Vornamen der Künstlerin: Artemisia.  Auf der einen Seiten stellt Artemisia gegenüber anderen Vornamen eine gewisse Besonderheit dar: Arte | misia beinhaltet arte, das italienische Wort für Kunst; Artemisia Gentileschi trägt die Kunst also schon wie ein Branding im Namen. Insofern könnte die Beschränkung auf den Vornamen durchaus als eine Art Wortspielerei zu deuten sein. Zudem holt das Duzen, das mit der ausschließlichen Nennung des Vornamens einhergeht, die Künstler*innenpersönlichkeit näher an uns als Betrachter heran, was besonders zu Zeiten der Pandemie, in der wir die Meisterwerke nur über den heimischen Display sehen können, eine bestimmte persönliche Beziehung schafft.
Andererseits: Ist Euch schon einmal eine Ausstellung über einen männlichen Künstler begegnet, die allein den Wortlaut seines Vornamens trug? Claude, Vincent oder Pablo? Uns eher nicht, und zwar aus gutem Grund. Siezen gilt allgemein als Höflichkeitsform. Indem Artemisia Gentileschi in der Londoner Ausstellung nur mit ihrem Vornamen angesprochen wird, wird eine gewisse gesellschaftliche Schwelle übertreten, es findet eine Art Verniedlichung statt und damit verbunden auch eine leichte Degradierung? Bei der Aufnahme unseres Podcasts ist es uns selbst immer wieder passiert, dass wir anstelle des vollen Namens der Künstlerinnen nur ihren Vornamen erwähnt haben. Im Nachklang haben wir uns aber bewusst dafür entschieden konsequent beide Namen anzuführen, um einen womöglich despektierlichen Eindruck zu vermeiden. Schließlich war Artemisia Gentileschi eine gestandene Frau und vor allem eine bedeutende Künstlerin, der auch bei der „Anrede“ der nötige Respekt zu erweisen ist.

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[5]    Siehe Artemisia 2020, S. 9.    
[6]    Siehe The National Gallery 2020.

Fazit

Wir stehen nicht mehr ganz am Anfang, die ersten Weichen, Kunst von Frauen sichtbarer zu machen, sind gestellt. Bevor wir von einer gleich-berechtigten musealen Präsentation von weiblicher und männlicher Kunst sprechen können, muss sich jedoch noch eine ganze Menge ändern, vor allem die selbstverständliche Hängung von Werken von Künstlerinnen in den ständigen Sammlungen. 

Der größte Erfolg, den wir bisher verzeichnen können, ist der Diskurs, der stetig geführt wird. Hierbei liegt es auch an uns, diesen weiterhin aufrecht zu erhalten. Daher der Appell an Euch: Wenn Ihr in den Dauerausstellungen nach Arbeiten von Frauen suchen müsst, dann fragt doch einfach mal bei den Verantwortlichen nach: „Hat es keine bedeutenden Künstlerinnen gegeben?“ [7] Die Antwort wird sicherlich „Nein“ sein und hoffentlich zum Nachdenken anregen.

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[7]    Siehe Nochlin 1971.

Literaturverzeichnis

Artemisia 2020
Artemisia (Ausstellungskatalog London), hg. v. Letizia Treves, London 2020.

Brüderlein 2013
Markus Brüderlin, „Die Aura des White Cube. Der sakrale Raum und seine Spuren im modernen Ausstellungsraum“, in: Zeitschrift für Kunstgeschichte, 76, 1 (2013), S. 91-106.

Guerilla Girls 1989
Guerilla Girls, Do women have to be naked to get into the Met.
Museum?, 1989, Siebdruck auf Papier, 280 x 710 mm, Tate, online: https://www.tate.org.uk/art/artworks/guerrilla-girls-do-women-have-to-be-naked-to-get-into-the-met-museum-p78793 (letzter Zugriff am 28.02.2021).

Korthase 2019
Karolin Korthase, „Kampf um Sichtbarkeit. Künstlerinnen der Alten Nationalgalerie“, in: Museum and the City. Blog der Staatlichen Museen zu Berlin (2019), online: https://blog.smb.museum/kampf-um-sichtbarkeit-kuenstlerinnen-der-alten-nationalgalerie/ (letzter Zugriff am 27.02.2021).

Nochlin 1971
Linda Nochlin, „Why There Have Been No Great Women Artists?“, in: Women, Art, and Power, hg. v. Linda Nochlin, New York 1988, S. 145-178, online: https://archive.org/details/NochlinGreatWomenArtists/mode/2up 
(letzter Zugriff am 01.03.2021).

Tate 2020
https://www.tate.org.uk/visit/tate-britain/display/60-years 
(letzter Zugriff am 28.02.2021).

The National Gallery 2020
https://www.nationalgallery.org.uk/exhibitions/past/artemisia 
(letzter Zugriff am 28.02.2021).

 

Gallery

More Information

Drei Künstlerinnen, drei Leben, 
ein Ziel: Kunst

Letizia Treves spricht über Artemisia Gentileschi

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