Künstlerpaare der Moderne

Zwischen Kunst und Liebe

Abb. 1 und Beitragsbild [Collage]: Otto Modersohn und Paula Becker-Modersohn im Garten, 1904, Fotografie, Paula-Modersohn-Becker-Stiftung Bremen/ Josephine B. Marks, Georgia O’Keeffe und Alfred Stieglitz beim See George, ca. 1939, Fotografie/ Wilfred Zogbaum, Lee Krasner mit Jackson Pollock in Springs, London Island, Fotografie.

Paula Becker-Modersohn, Georgia O’Keeffe und Lee Krasner – drei besondere Künstlerinnen der Moderne. Was sie miteinander verbindet, ist nicht nur die Liebe zur Kunst, sondern auch zu ihren jeweiligen Partnern, die ebenfalls Künstler waren. An den folgenden Werkbeispielen werden wir verdeutlichen, ob und wie sich Künstlerin und Künstler gegenseitig in ihrem Schaffen angeregt haben.

Paula Becker-Modersohn (1876-1907)

„Es brennt mir ein Verlangen in Einfachheit groß zu werden“ [1]

Abb. 2: Paula Becker-Modersohn, Schützenfest mit Karussell (I), 1904, Öl auf Leinwand, 36 x 49 cm, Privatbesitz. Museen Böttcherstraße.
Abb. 3: Otto Modersohn, Schützenfest in Worpswede, 1904, Öl auf Leinwand, 78 cm x 108 cm, Kunstverein Bremerhaven von 1886 e.V. Paula-Modersohn-Becker-Stiftung.

Nach der Hochzeit im Jahr 1900, kündigt sich eine Phase der engen Zusammenarbeit zwischen dem Künstlerpaar Paula Becker-Modersohn (1876-1907) und Otto Modersohn (1865-1943) an. Oftmals stehen sie nebeneinander in der Natur und malen dasselbe Motiv, beispielsweise Birkenstämme. [2]
Und auch wenn Paula Becker-Modersohn sich bereits vor ihrer Bekanntschaft mit Modersohn und vor ihrer Ankunft in Worpswede mit der Landschaftsmalerei auseinandersetzte, wendet sie sich ab da an dieser verstärkt zu. Otto Modersohn wiederum, bei dem die Figur zuvor als reine „Dekoration“ der Landschaft diente, fängt an – ähnlich wie Paula Becker-Modersohn – den Menschen als Hauptmotiv aufzugreifen. [3]

Trotz der Annäherung hinsichtlich der Auswahl des Sujets, ist von Anfang an, ein Unterschied in der Darstellung des Motivs zu erkennen. Während Otto Modersohn den „romantischen und realistischen Traditionen“ [4] nachgeht, orientiert sich Paula Becker-Modersohn „in zunehmendem Maße stärker an der Kunst, weniger am direkten Naturvorbild selbst. Die Vielfalt der verarbeiteten Einflüsse rangiert zwischen frühchristlichen Mumienporträts und Werken der Renaissance bis hin zu japanischen Holzschnitten und Meistern der französischen Avantgarde wie Paul Cézanne.“ [5]

Wie in Abb. 4 und 5 zu erkennen, stellen beide eine Szene des Worpsweder Schützenfest dar. Aufgrund ihres unterschiedlichen Stils, wird jedoch eine komplett andere Grundstimmung festgehalten; Sein Bildaufbau ist klar strukturiert und erzeugt, durch die Unterscheidung von Vorder- und Hintergrund, eine räumliche Tiefe, wohingegen sie sich vielmehr auf den Ausdruck von Formen und Farben bezieht.
Und gerade wie ihre Reduktion mit wenigen künstlerischen Mitteln auf das Wesentliche, wird zu ihrem persönlichen Merkmal! Ab 1903 konzentriert sich Paula Modersohn-Becker zunehmend auf die menschliche Figur, sowie die Gattung des Stilllebens und löst sich von den Einflüssen der Worpsweder Künstlerkolonie, die u.a. von ihrem Ehemann gegründet wurde. [6]

Festzuhalten ist, dass aus den damaligen Tagebuchaufzeichnungen und Briefwechsel beider Künstler hervorgeht, dass sie die kurze Phase des künstlerischen Austausches als anregend und fördernd wahrgenommen haben. [7] Beide haben sich mit den einzelnen Bildmotiven des anderen auseinandergesetzt und z.T. in ihre eigene Ausdrucksform übertragen.

[1] vgl. Bohlmann-Modersohn 1995, S.275.

[2] vgl. Busch 1907, S.27.

[3] vgl. Paula Modersohn-Becker und Otto Modersohn. Ein Künstlerpaar um 1900 2007, S.142.

[4] Paula Modersohn-Becker und Otto Modersohn. Ein Künstlerpaar um 1900 2007, S.55.

[5] Paula Modersohn-Becker und Otto Modersohn. Ein Künstlerpaar um 1900 2007, S.55.

[6] vgl. Paula Modersohn-Becker und Otto Modersohn. Ein Künstlerpaar um 1900 2007, S.55.

[7] vgl. Paula Modersohn-Becker und Otto Modersohn. Ein Künstlerpaar um 1900 2007, S.26.

Mehr zu Paula Becker-Modersohn findet ihr hier:

 

Arte [Doku]: Liebe am Werk. Künstlerpaare. Paula Becker & Otto Modersohn, unter: https://www.arte.tv/de/videos/079434-004-A/liebe-am-werk/


Paula Modersohn-Becker Museum [Online-Ausstellung]: Paula Modersohn-Becker. Wegbereiterin der Moderne, unter: https://artsandculture.google.com/exhibit/_QJSLMk5ACZUJQ.

Georgia O'Keeffe (1887-1986)

„My painting is what I have to give back to the world for what the world gives to me“ [1]

Abb. 4: Georgia O’Keeffe, A Celebration, 1924, Öl auf Leinwand, 88,6 x 45,7 cm, The Georgia O’Keeffe Foundation, New Mexico. Fotografie von Mark Woods.

Vergleichswerk

Alfred Stieglitz, Portrait of Georgia No.3, 1923, Fotografie, 9,6 x 12 cm, Alfred Stieglitz Collection, siehe:
https://www.nga.gov/collection/art-object-page.35995.html

Seit dem Beginn von Georgia O’Keeffes Beziehung zu Alfred Stieglitz (1864-1946) im Jahr 1918, regten sich beide in ihrem künstlerischen Schaffen gegenseitig an und ließen ihre Kunstwerke geradezu in einen Dialog treten. [2] Ein Beispiel hierfür ist das Foto „Portrait of Georgia No. 3“ von Stieglitz und das ein Jahr später entstandene Gemälde „A Celebration“ von O’Keeffe (siehe Abb. 4 und Link).

1923 fotografierte Stieglitz, obgleich es der Titel vielleicht vermuten lässt, nicht O’Keeffe, sondern die Sonne, wie sie durch die Wolken scheint. O’Keeffes „Antwort“ wiederum zeigt eine abstrakte Wolkendarstellung. Das Ölgemälde von O’Keeffe ist von den Farben Weiß, Blau und Grau bestimmt und weist eine symmetrische Komposition auf. Diese wird durch die blaue Farbe bestärkt, die sich durch die Mitte des Bildes zieht. Eine Räumlichkeit wird auch durch die unterschiedlichen Farbkontraste wiedergegeben. Durch den diagonalen Verlauf der grauen Formen im Vordergrund wird der Eindruck erweckt, als würden sie auf den*die Betrachter*in direkt zukommen. Als Kompositionsaufteilung dient der blaue Himmel im Hintergrund, der von vielen weißen Wolken verdeckt wird. Die weißen Formen sind so angeordnet, dass sie ineinander übergehen. Die inkonsistenten Formen der Wolken sind der Bildgegenstand einer abstrakt träumerischen Darstellung. [3]

Auch wenn die Fotografie von Stieglitz das gleiche Thema wählt und eine Himmelsaufnahme zeigt, steht bei ihm die Sonne im Mittelpunkt. Ein räumliches Empfinden wird hier ebenfalls durch die Wolken bewirkt. Das Bild könnte so gedeutet werden, dass Stieglitz die Sonne personifiziert hat und damit seine Frau mit der Sonne gleichgestellt hat. Gleichermaßen könnte das Gemälde von O’Keeffe als eine Gleichstellung ihres Ehemanns mit Wolken verstanden werden. Obwohl beide unterschiedliche Medien verwendet haben, wird hier ein künstlerischer Dialog inszeniert. Stieglitz macht sich die abstrakte Malerei für seine Fotografie zu Nutzen. Sie verwendet hingegen die Fotografie als Grundlage für ihre Werke und setzt sich mit ihrem eigenen Stil in der abstrakten Malerei als eigenständige Künstlerin ab. [4]

[1] http://art.seattleartmuseum.org/objects/6316/a-celebration;jsessionid=E371987035BB1AC6038F58C28BA18ACB, (letzter Zugriff am 04.03.2021).

[2] vgl. Lindner 2000, S.229-231.

[3] vgl. https://www.nytimes.com/2016/07/06/t-magazine/georgia-okeeffe-alfred-stieglitz-portraits-tate-modern.html, (letzter Zugriff am 28.02.2021).

[4] vgl. Lindner 2000, S.239.

Im Online-Archiv des Georgia O’Keeffe Museums gibt es auch viel zu entdecken: https://collections.okeeffemuseum.org./

Abb. 5: Außenansicht Georgia O'Keeffe Museum [Collage], 2021.

Lee Krasner (1908-1984)

„Das einzige Beständige im Leben ist Veränderung“ [1]

Genauso handhabte Lee Krasner es auch mit ihrer Kunst. Immer wieder kam es zu radikalen Umbrüchen in ihrem Gesamtwerk. Einer davon wurde durch Jackson Pollock (1912-1956) ausgelöst.

Seit 1942 lebten beide Künstler zusammen und heirateten drei Jahre später. Als die Beziehung entstand hatte Krasner bereits mehrere Kunsthochschulen und Akademien in New York besucht. Besonders die Zeit, während sie zur School of Fine Art von Hans Hofmann ging, war sehr prägend für sie. Dort begann sie nicht nur abstrakter zu malen, sondern wandte sich mehr und mehr dem Kubismus zu. Sie fand auch zu ihren großen Vorbildern wie Picasso, Matisse und Mondrian. Krasner wollte schon seit ihrer Jugend Künstlerin werden und verwirklichte zielstrebig ihren Traum zu verwirklichen. Pollock dagegen malte um seine innersten Gefühle zu verarbeiten, er sah es als emotionale Notwendigkeit an. Auch er hatte ein Kunststudium abgeschlossen, konnte jedoch außerdem in der New Yorker Kunstszene Fuß fassen. Durch das Aufeinandertreffen der beiden wurde Lee Krasner klar, dass sie eine autonome und eigenverantwortliche Künstlerin ist und sich von ihren Vorbildern trennen musste. Sie hatte einige Jahre eine Schaffenskrise, während der sie viele eigene Werke zerstörte und weiterverarbeitete. Aus früheren Bildern und Zeichnungen entstanden in den 50er Jahren ihre ersten Collagen. Sie sagte einmal ,,Man darf mir meine alten Werke einfach nicht für längere Zeit überlassen’’ [2], denn wahrscheinlich hätte Krasner alle irgendwann verändert. [3] 

Abb. 6: Hans Namuth, Jackson Pollock in seinem Studio, 1950, Fotografie.
Abb. 7: Haley Erskine, Lee Krasner steht auf einer Leiter vor dem Gemälde „The Gate“, 1959, Fotografie.

Auf den ersten Blick erscheinen Lee Krasners und Jackson Pollocks Werke ähnlich. Beide zählen zu den Pionieren der New York School und des amerikanischen Abstrakten Expressionismus. Pollock wurde weltbekannt durch seine großformatigen Action Painting Bilder. Meist legte er die Leinwand auf den Boden und bearbeitete diese, indem er ganze Farbeimer über die Leinwand tropfen ließ. Anfangs entstanden dabei vornehmlich monochrome Bilder, später beginnt er mehr Farbe einzubeziehen. Ohne ein bestimmtes Bild im Kopf zu haben, entspringen seine Werke aus dem Moment heraus (siehe Abb. 6). Krasner hingegen schafft es eine klare Ordnung in ihren Bildern umzusetzen. Sie hat ein hohes Streben nach planerischer Kontrolle, sodass nichts dem Zufall überlassen wird. [4] Ihre Leinwände spannt sie, im Gegensatz zu Jackson Pollock, an die Wand. Es kam vor, dass sie sich z.B. auf eine Leiter stellen musste um die gesamte Fläche zu bearbeiten (siehe Abb. 7). Besonders in den Jahren nach Pollocks Tod, wird eine künstlerische Anlehnung an ihren verstorbenen Mann ersichtlich. Ihre Formate werden größer und geben dem*der Betrachter*in einen Einblick in ihre private Welt.

Falls euch das Thema interessiert, schaut auch mal hier vorbei …

Schirn Kunsthalle Frankfurt [Digitorial zur Ausstellung]: Lee Krasner, 11. Oktober 2019 – 12. Januar 2020, online: https://schirn.de/leekrasner/digitorial/.

Barbican Centre [Spotify- Playlist]: Lee Krasner. Living, online: https://open.spotify.com/playlist/7uE4AvdHKDfizERsT7UqRp

Vergleich Gemäldewert zwischen Künstlerin und Künstler

Künstlerin

Künstler

Paula Becker-Modersohn: 150.000 Euro1

Otto Modersohn: 136.400 Euro2

Georgia O’Keeffe: 44,4 Millionen USD3

Alfred Stieglitz: 1,47 Millionen USD4

Lee Krasner: 11,7 Millionen USD5

Jackson Pollock: 140 Millionen USD6

Fazit

Nach den gewonnen Einblicken wird deutlich, dass – im direkten Vergleich zu den männlichen Künstlern – Frauen* aufgrund ihres Geschlechts in der Kunst vor anderen, meist zusätzlichen Herausforderungen stehen. Dazu haben sich Paula Becker-Modersohn, Georgia O’Keeffe und Lee Krasner entschieden, sich auf privater, sowie künstlerischer Ebene auf die Einflüsse ihrer Ehepartner einzulassen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt lag in allen drei Beziehungen, ein beidseitiger Austausch vor. Trotzdem haben die drei Künstlerinnen, durch die Ausprägung eines individuellen Stils, es jeweils geschafft, sich in der Kunstwelt zu behaupten.

Literaturquellen: 

Bohlmann-Modersohn 1995
Marina Bohlmann-Modersohn, Paula Modersohn-Becker. Eine Biographie mit Briefen, Berlin 1995.

Busch 1981
Günter Busch, Paula Modersohn-Becker. Malerin, Zeichnerin, Frankfurt 1981.

Lee Krasner 2019
Lee Krasner
(Ausstellungskatalog München), hg. v. Ilka Voermann/ Eleanor Nairne, München 2019.

Leisner 1995
Ralf Leisner, Lee Krasner-Jackson Pollock. Eine Ateliergemeinschaft, München 1995.

Lindner 2000
Ines Lindner, „O’Keeffe. Stieglitz. Erste Annäherung“, in: Liebe Macht Kunst. Künstlerpaare im 20. Jahrhundert, hg. v. Renate Berger, Köln 2000.

Paula Modersohn-Becker und Otto Modersohn. Ein Künstlerpaar um 1900 2007
Paula Modersohn-Becker und Otto Modersohn. Ein Künstlerpaar um 1900 (Ausstellungskatalog Hannover), hg. v. Heide Grape-Albers 2007.

Ein Blogbeitrag von Gisa Huff, Sumru Tekin und Melina Woitaschek, am 21.03.2021.

Schreibe einen Kommentar