Künstlerinnen der Moderne


Eleanor Antin

Identitätspolitik - schon immer ein Thema von Künstlerinnen?

Natürlich beschäftigen sich KünstlerInnen nicht erst in den letzten Jahren mit Konzepten des Aufbruchs, der Neubewertung und der Destabilisierung vorherrschender Identitäten. KünstlerInnen sind AvantgardistInnen und setzen überkommenen Inhalten und Formen etwas radikal Neues, Zukunftsorientiertes entgegen. Dazu zählen alle progressiven Bewegungen, die die Idee des Fortschritts verfolgen und sich die Veränderung der Gesellschaft durch die Kunst zum Ziel gesetzt haben – also auch die Neue Frauenbewegung der 1960er-Jahre.

Diverse ProtagonistInnen nahmen dabei Vorreiterrollen ein. Nicht nur die gesellschaftliche und ökonomische Gleichheit der Geschlechter stand im Mittelpunkt des Engagements politisch und feministisch aktiver Frauen, sondern auch Forderungen nach dem Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper, der gleichberechtigten Partizipation in Bildung und Beruf, der Sichtbarkeit und Akzeptanz von Frauen sowie der Kampf gegen Sexismus. Ein Hauptanliegen feministischer Künstlerinnen war das Bestreben, die Ursprünge unserer Vorstellungen von Weiblichkeit und einer dogmatischen Identität des Kollektivobjektes „Frau“ aufzudecken und zu hinterfragen.[1] Sie verfolgten die Idee der Weiblichkeit als Maskerade – eine Reihe von Posen, die von Frauen eingenommen werden, um den gesellschaftlichen Erwartungen an das Frausein zu entsprechen.

Die ausgewählte Künstlerin, Eleanor Antin, geboren 1935 in New York, bietet in Hinblick auf ihre performativen Werke eine Grundlage für einen Querschnitt der in den 1960er-Jahren aufkommenden progressiven, künstlerischen Neuorientierung der Identitäten. Sie ist eine US-amerikanische Künstlerin, deren Werke zwischen Konzeptkunst, Fotografie, Film und Theater einzuordnen sind.[2] Ausgangspunkt von Antins Werken ist die künstlerische Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und seine Repräsentation in der Gesellschaft.[3] Zugleich erkundet sie Fragen der weiblichen Identität und „damit verbundene Politiken des Begehrens und der Sexualität.“[4] Nach ihrem Schauspielstudium am New Yorker City College in den späten 1950er-Jahren erkundet sie bereits erste Fragen rund um die Themen der Individualität und Andersartigkeit, die zu einem späteren Zeitpunkt ihres Schaffens die Grundlage für die Identitätspolitik ihrer Werke bilden. Bevor sie im Jahr 1969 nach San Diego zieht, bestreitet sie ihren Lebensunterhalt einige Jahre als Schauspielerin und Ballerina. 

[1] Venohr, et al. 2014, S. 19.

[2] Morrill 2019, S. 36.

[3] Morrill 2019, S. 36.

[4] Malz 2020.

Sie schuf eine Reihe von „Performance-Persönlichkeiten“, eine Art Allegorie, aus vier Selbst: die Ballerina, der König, der schwarze Filmstar und die Krankenschwester. Mit Hilfe dieser Persona durchlebt Antin immer wieder einer Verkörperung in verschiedenen Medien und bezeichnet dabei ihre Ablehnung gegenüber konventionellen Kategorisierungen der Selbstdefinition als „merely tyrannical limitations upon [her] freedom of choice.“[5] Durch ihrer Werke erweitert sich die Konzeptkunst um eine subjektive, feministische Perspektive.

Indem Antin in verschiedene Persönlichkeiten schlüpft, stellt sie Authentizität und Künstlichkeit gegenüber und löst feste Unterscheidungen zwischen Sein und Handeln auf. Eleanor Antins Überzeugung mündet in der Annahme, dass Weiblichkeit eine Rolle ist, die Frauen spielen und zugleich eine Position ist, die bestimmt, wie sie die Welt erleben. Durch Antins strategischen Einsatz performativer Kunst problematisierte sie Subjektivität als eine instabile Kategorie, die immer wieder zwischen der privaten und öffentlich-sozialen Strukturen austariert werden muss.[6]

[5] Antin zitiert in L. Lippard 1976, S. 105.

[6] Wark, 2001, S. 44–50.

Im Hinblick darauf steht „Antin […] exemplarisch für die Art und Weise, wie die politische Bewegung und die Kunstpraxis des Feminismus sich zusammentaten, um eine der zentralen feministischen Einsichten zu artikulieren, nämlich dass das Persönliche politisch ist.“ - Gabriele Schor

Eleanor ANTIN

Carving: A Traditional Sculpture 
1973
Installation View
148 B/W photographs & text panel
7 x 5 inches each
Collection of The Art Institute of Chicago
Courtesy Ronald Feldman Fine Arts, New York
Abb. 4: Eleanor Antin, Schnitzerei: Eine traditionelle Skulptur, 1972.

Das Werk Carving: A Traditional Sculpture (1972), bei dem sie knapp einen Monat eine Diät einhält, ist ein weiteres Beispiel für die Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Körper.[7] Die 148 vertikal angeordneten schwarz-weiß Fotografien dokumentieren den Prozess des Gewichtsverlusts von circa fünf Kilo über 37 Tage hinweg, an denen sich Antin jeden Morgen in denselben vier Stellungen zeigt. Carving bildet eine Antithese zu den Skulpturen traditioneller griechischer Manier: Indem sie ihren verschwindenden Körper zur Schau stellt, wird die Künstlerin zum Subjekt ihrer eigenen körperlichen Transformation. Die Künstlerin ergänzt, dass es „technisch in der Art der archaischen und klassischen griechischen Bildhauerei ausgeführt wird (das Abschälen kleiner Schichten von einem Gesamtkörperbild, bis das Bild allmählich bis zum Punkt der ästhetischen Befriedigung verfeinert wird)“. Das Endergebnis wurde, wie bei jedem Schnitzprozess, sowohl von der Absicht als auch von den Grenzen des Materials bestimmt.

Bei genauerer Betrachtung der seriellen Fotoaufnahmen, bei denen man kaum einen Unterschied von Tag zu Tag bemerken kann, wird deutlich, wo der größte Unterschied liegt. Das Ritual der Selbstbeobachtung stellt das Potenzial des Versagens hervor. Hier besteht Weiblichkeit aus einem Prozess, dessen Ergebnis nie zufriedenstellen erreicht werden kann. Zugleich offenbart sie in diesen nüchternen, seriellen Fotografien die Kritik am Konzept der Weiblichkeit: die Last der Frauen zugunsten eines unerreichbaren Schönheitsideals. Mit ihrem Schaffen unterzog sie die traditionellen, kunsthistorischen Gattungen Malerei, Zeichnung und Skulptur einer erneuten Überprüfung und „setzte dem weiblichen Körper als Objekt männlichen Begehrens im performativen Akt der Rückeroberung ein feministisch reflektiertes Bildkonzept entgegen.“[8]

[7] Schor, 2016, S. 64.

[8] Malz 2020.


Im Gespräch mit Eleanor Antin:

über ihre neue Arbeit CARVING: 45 Years Later (2017) im Zusammenhang mit ihrer Arbeit CARVING: A Traditional Sculpture (1972)

     

 

Literaturverzeichnis

Lippard, Lucy R., „Making up: role-playing and transformation in women’s art.“ In From the center: feminist essays on women’s art, von Lucy R. Lippard. New York 1976.

Malz, Isabelle, „I’M NOT A NICE GIRL!“ Düsseldorf: Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, 2020.

Morrill, Rebecca, Great women artists, London 2019.

Feministische Avantgarde: Kunst der 1970er-Jahre: Sammlung Verbund Wien, hg. v. Gabriele Schor, München 2016.

Venohr, Dagmar, Yvonne Franke, Kati Mozygemba, Kathleen Pöge, und Bettina Ritter, „Welcome to Plurality. Ein kaleidoskopischer Blick auf Feminismen heute.“ In Feminismen heute. Positionen in Theorie und Praxis, von Kathleen Pöge, Yvonne Franke, Kati Mozygemba, Bettina Ritter und Dagmar Venohr,  Bielefeld 2014, S. 19–25.

Wark, Jayne „Conceptual Art and Feminism: Martha Rosler, Adrian Piper, Eleanor Antin, and Martha Wilson.“, in: Woman’s Art Journal 22 (1), 2001, S. 44–50.

 

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Eleanor Antin, Porträt des Königs, 1972 Schwarz-Weiß-Fotografie, montiert auf Karton 34,9 x 24,7cm. https://www.richardsaltoun.com/artists/235-eleanor-antin/works/ (Letzter Zugriff am 14.02.2021)

Abb. 2: Eleanor Antin, Die Krankenschwester, 1975, alter Gelatinesilberdruck 25,8 x 20,3 cm. https://www.josephbellows.com/artists/eleanor-antin/featured-works?view=slider#4 (Letzter Zugriff am 14.02.2021)

Abb. 3: Eleanor Antin, Mehrfache Besetzung: ELEANOR ANTIN’S SELBST bei ICA. Live Performance. https://www.lauraleebrady.com/blog/2017/8/30/multiple-occupancy-eleanor-antins-selves-ica (Letzter Zugriff am 14.02.2021)

Abb. 4: Eleanor Antin, Schnitzerei: Eine traditionelle Skulptur, 1972. https://www.richardsaltoun.com/artists/235-eleanor-antin/biography/ (Letzter Zugriff am 14.02.2021)

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