Properzia de‘ Rossi

Properzia de' Rossi war eine der erst genannten und hochbegabten italienischen Bildhauerinnen in der Renaissance. Sie wurde 1490 in Bologna als Tochter des in bürgerlichen Kreisen angesehenen Notars Giovanni da Modena geboren. Sie lebte in Bologna bis zu ihrem Tode im Jahre 1530. Bologna war zu der damaligen Zeit ein "Intellektuelles Zentrum". [0]

Ausbildung

Properzia de‘ Rossi war für ihre Schönheit, ihren Intellekt und Musikalität im Bürgertum Bolognas bekannt. Da ihr Vater sehr bedacht war, dass seine Tochter für die damalige Zeit eine gute bürgerliche Ausbildung erfahren sollte, war sie aufgrund ihres Studiums in Malerei, Musik, Tanz, Poesie, klassische Literatur und in den Sprachen Latein und Griechisch gebildet.

Ihre spezielle künstlerische Ausbildung, insbesondere das Zeichnen, erhielt sie als Schülerin des Bologneser Kupferstechers Marcantonio Raimondi, der heute aufgrund seiner Stiche und Gemälde von Raffael bekannt ist.

Zur Perfektionierung ihrer bildhauerischen Kompetenzen besuchte sie Vorlesungen der Anatomie. Frauen war es derzeit verwehrt Aktsäle zu besuchen und entsprechend notwendige Studien der Aktmalerei zu betreiben.[1]

Properzia de' Rossis künstlerische Karriere

Steinobstkern-Schnitzereien

Als Jugendliche war sie sich noch nicht sicher, welchen Weg der Selbstdarstellung sie einschlagen wollte. Sie begann sich in der Skulpturarbeit immer mehr künstlerisch beheimatet zu fühlen, indem sie sich in kleinen, aber sehr detailreichen Kunstwerken auf Aprikosen-, Pfirsich- und Kirschkernsteinen übte und diese verschenkte. Darüber erlangte ihre Genialität in der Kunst der Schnitzerei Bekanntheit.

Properzia de‘ Rossis Weg zur Bildhauerei

Nach kunsthistorischen Quellen, begann sie , ca. 1520 im Alter von 30 Jahren, sich mehr der Skulpturabeit mit Marmor zu widmen. Nachdem sie feststellte, dass sie in diesem Bereich mit ihren überdurchschnittlichen bildhauerischen Kompetenzen, ihrem Wissen und der Beherrschung der Techniken der antiken Skulpturarbeiten Erfolg hatte, bewarb sie sich für die Dekoration des Hochaltars des Heiligtums der Madonna del Baraccano in Bologna. Ihre präzisen Ausformungen körperlicher Details, die bereits in ihren Obstkernschnitzereien deutlich wurden, traten auch hier hervor. Deshalb wurde sie trotz vieler Widerstände auch an der Universität von Bologna aufgenommen. [2]

Properzia de' Rossis künstlerischer Bekanntheitsgrad

Properzia de‘ Rossis Themen waren meist religöser Natur. Ihre Aufträge für Skulpturarbeiten erhielt sie überwiegend aus klerikalen Kreisen. Die Kontakte erfolgten über ihren Ehemann, der Kirchenbauverwalter war. Heute können wir noch ihre Werke an der Westfassade der Basilika San Petronio vorfinden, wie z. B. drei Sibyllen und zwei Engel, die sich durch die Darstellung einer spezifische Anmut auszeichnen. In ihrem plastischen Marmorbild ‚Josephs Flucht und Potiphars Frau‘ (heute im Museum von San Petronio in Bologna zu sehen), drückt sich eine phänomenale Ästhetik der Körperlichkeit aus. Die Umsetzung der Aktdarstellung, orientiert an der griechischen Antike, äußert sich darin, dass sie mit feinsinniger Linienführung ‚die Nacktheit der Frau verhüllt‘ und durch die ‚perfekten Proportionen der Körper in Bewegung‘ Dynamik ausstrahlt. Nach Aussagen von damaligen ihr wohlgesonnen Kunsthistorikern und Bildhauerkollegen sei sie für diese Exponate absolut unterbezahlt worden. Aufgrund ihres geniehaften Bekanntheitsgrades in klerikalen Kreisen erhielt sie aus bürgerlichen Kreisen private Auftragsarbeiten für Skulpturen von Löwen, Vögeln, Vasen, Räuchergefäße, Scrollwork, Büsten, z. B. eine Marmorbüste des Grafen Alessandro de Pepoli 1524. [3]

Passion Christi in Pfirsichkernhälfte

Ein Alleinstellungsmerkmal von Properzia de‘ Rossi war ihre Begabung den Steinobstkern-Schnitzereien und in der detailllierten Darstellung religiöser Themen in kleinschnittigen Formaten.
Ein besonderes Werk minutiöser Skulpturarbeit ist die Schnitzerei der ‚Kreuzigung Jesu‘ in zwei aufgeklappten Pfirsichkerngruben: „[…,] dass es einzigartig und wunderbar war, diese zu betrachten, nicht nur wegen der feinen Arbeit, sondern auch wegen der Zierlichkeit der kleinen Gestalten, […] und der unsagbar feinen Art und Weise ihrer Anordnung. -[….] – und gewiss grenze es an ein Wunder, in so einem kleinen Kern die gesamte Passion Christi mit den Kreuzigern Christi, den Aposteln und dazu noch eine unendliche Zahl (beinahe 100) an Personen in schönstem Schnitzwerk ausgeführt zu sehen.“ [4]

Die nebenstehende Abbildung dient zur Konkretisierung der oben zitierten Beschreibung von Giorgio Vasari. Eine Abbildung des Originals von Properzia de‘ Rossi ist aktuell nicht bekannt.

Durch die Aushöhlung der Pfirsichkernhälften und die Bearbeitung des Randes hat sie die Komposition in einen dreidimensionalen Raum gedrängt.

Steinobstkern-Schnitzereien

Unbekannt, Passion Christi in Pfirsichkernhälfte, British Museum, [1]

Grassi Family Coat of Arms

Eine weiteres Alleinstellungsmerkmal liegt  in der beeindruckenden Herstellung des Juwels ‚Grassi Family Coats of Arms‘, wie die nebestehende Abbildung zeigt. Die Grundfigur des Adlers in filligraner Verarbeitung des Materials Silber in Verbindung mit minutiöser Einbettung der Edelsteine, Perlen und Kirschkernsteine wird zu einem besonders künstlerischen Unikat .

Steinobstkern- Schnitzereien

Properzia de' Rossi, Wappen der Familie Grassi ca. 1510-1530, filligranes Silber und geschnitzte Pfirsich- und Pflaumensteine, Bologna, Museo Civico Medievale, Bologna,[2]

Geschnitztes
Kirschkern-Pendant

Die edel anmutige Gestaltung von Juwelen verknüpfte sie mit einer feinsinnigen Bearbeitung von Gold, Diamanten, Emaille, Perlen und geschnitztem Kirschkern auf dem ca. 100 Köpfe zu erkennen sind. Sie kreierte ein apartes Schmuckstück.

Steinobstkern- Schnitzereien

Properzia de' Rossi, Geschnitztes Kirschkern-Pendant, ca. 1510-1530,Gold, Diamanten, Emaille, Perlen, Florenz, Pallazzo Pitti, Museo degli Argenti, [3]

Die Verkündigung
und Detail von St. Peter 

Properzia de‘ Rossi zeichnete sich ganz besonders durch ihren hohen Einfallsreichtum aus. Sie besaß eine außergewöhnliche Sensitivität für das Kleine, Diffizile, Filligrane, Detaillierte. Ihre besonderes Talent verbarg sich in ihrer Geschicklichkeit, der Zierlichkeit plastisch Ausdruck zu verleihen und ihrer freien Art und Weise der Anordnung aus. [5]

 

Genialität des Filligranen und Detaillierten

Properzia de' Rossi, Die Verkündigung, Bologna, Museo Civico Medievale, [4]
Properzia de' Rossi, Detail von St. Peter in Properzia de' Rossi, Wappen der Familie Grassi, 1510-1530, Pfirsichkernhälfte, Bologna, Museo Civico Medievale, Courtesy of Irene Graziani at the University of Bologna, [5]

Joseph’s Flucht und Potiphars Frau (Marmorskulptur)

Properzia de‘ Rossis bildhauerischen Genialität in ihrem Werk ‚Plastisches  Marmorbild: Josephs Flucht und Potiphars Weib‘ spiegelt sich Giorgio Vasaris Aussage:

„Als ob sie uns den Ruhm der Überlegenheit nehmen wollten, haben sie sich keineswegs geschämt, mit ihren zarten und weißen Händen die mechanischen Gewerbe, den rauhen Marmor und das scharfe Eisen anzugreifen, um den Ehrgeiz zu befriedigen und den Ruhm der Überlegenheit davonzutragen, so wie es in unseren Tagen Properzia de‘ Rossi aus Bologna tat, eine junge Frau von Tugend und Verstand nicht nur in den häuslichen Dingen, wie die anderen Frauen, sondern auch in zahlreichen Wissenschaften, so dass nicht nur die Frauen , sondern alle Männer gegen sie voller Neid waren.“ [6]

Georgio Vasari widmete Properzia de‘ Rossi als einziger Frau eine Vita. Über ihn wurde die Anekdote überliefert, dass Properzia de‘ Rossi mit diesem Werk ihre unbeantwortete Liebe zu einem Jüngling verarbeitet habe. [7]

 

Bildhauerin - Schöpferin von Kunst in Stein

Properzia de' Rossi, Joseph und Potiphar's Frau, ca. 1515-1526, Marmorrelief, Bologna, Basilica di San Petronio Museum, Courtesy of Irene Graziani at the University of Bologna, [6]
Zwei Engel
 
Für ihr Relief am Hochaltar von Santa Marie del Baraccano  produzierte sie auch drei Sibyllen und zwei Engel [7]. In diesen Werken wird ihr bildhauerisches Talent durch die Darstellung einer spezifischen Anmut sichtbar.  Bei dieser Skulpturarbeit hat sie die Feingliedrigkeit perfekt in Stein gemeißelt. Damit brach Properzia de‘ Rossi  mit dem Vorurteil, Bildhauerei sei solch eine anspruchsvolle Kunst schlechthin, die nur Männern vorbehalten wäre, auszuüben.
 
Neben diesen Auftragsarbeiten war sie in der Herstellung guter Kopien von Raffael von Urbinos Werken mit dem Stilmittel von Federzeichnung tätig. [8]
 

Bildhauerin - Schöpferin von Kunst in Stein

Properzia de' Rossi, Zwei Engel, ca. 1515 - 1526, Marmorrelief, Museo di San Petronio, [7]

Properzia de‘ Rossis Widersacher

Einer ihrer Widersacher war Amico Aspertini, ein Hofmaler der Medici und Biograph italienischer Künstler:innen,  der von den damaligen Architekten hoch gelobt wurde. Er unterstellte bei dem einen oder anderen Werk, dass dieses nicht von Properzia de‘ Rossi hergestellt worden wäre. Trotz alledem gab er öffentlich zu, dass Properzia de‘ Rossi für ihre Bildhauerei und Reliefarbeiten absolut unterbezahlt worden war. [9]

Ruhm und Anerkennung

Properzia de‘ Rossi erhielt darüber Anerkennung, dass neben die Kirchenbauverwaltern selbst die gesamte Stadt Bologna die Aufträge für Reliefarbeiten befürworteten. Dies drückt sich in folgendem Zitat über ‚Joseph und Potiphars Frau aus.: „An diesem Werk fanden nicht nur jene unendlichen Gefallen, sondern die gesamte Stadt, und deshalb zögerten die Kirchenbauverwalter nicht, ihr einen Teil dieser Arbeit zu übertragen. Dabei vollendete sie zur größten Verwunderung von ganz Bologna ein höchst anmutiges [Marmor-]Bild, [… da die arme Frau … ].  Alle hielten dieses Werk für wunderschön, und zu ihrer Zufriedenheit schien es ihr, dass sie mit der [Darstellung] dieser Gestalt aus dem Alten Testament ihre glühende Leidenschaft zum Teil abgekühlt hatte“ [10]

 

Ruhm und Anerkennung auf steinigen Pfaden

Rückkehr zur Steinobstschnitzerei

Properzia de‘ Rossi schien an der Pest erkrankt gewesen zu sein. Auf diesem Hintergrund ist zu vermuten, dass Properzia de‘ Rossi sich wieder auf ihre Nische der Steinobstschnitzereien zurückzog, da sie sich nicht mehr mit den Energie raubenden typisch männliche konnotierten Wettbewerben und Standards auseinandersetzen und ihnen unterwerfen wollte.

 

Am 24. Februar 1530, erklärte Papst Clemens VII, Abkömmling aus der Familie der Medici, dass Properzia de‘ Rossi ein „edles und erhöhtes Genie” sei. Sie war kurz zuvor verstorben. [11]

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Quellenverzeichnis für Blog Properzia de' Rossi

Zitate: Anmerkungen/Fußnoten

[0] Kapp,1992.

[1] Strunck, 2017.

[2] Sabine Feser und Victoria Lorini, 2020, S. 130 ff.

[3] Sabine Feser und Victoria Lorini, 2020, S. 130 ff.

[4] Sabine Feser und Victoria Lorini, 2020, S. 130.

[5] Sabine Feser und Victoria Lorini, 2020, S. 127.

[6] Blisniewski,  2011, S. 17. 128-130. 

[7] Sabine Feser und Victoria Lorini, 2020, S. 127.

[8] Sabine Feser und Victoria Lorini, 2020, S. 127.

[9] Sabine Feser und Victoria Lorini, 2020, S. 127.

[10] Sabine Feser und Victoria Lorini, 2020, S. 127.

[11] Sabine Feser und Victoria Lorini, 2020, S. 132.

 

 

Bildquellen: Anmerkungen/Link-Liste

[0]
https://www.accademiasanluca.eu/it/collezioni_online/pittura/archive/cat_id/1788/id/2352/properzia-de-rossi (letzter Zugriff 17.02.2021)

[1]
https://www.bmimages.com/preview.asp?image=00029306001&itemw=4&itemf=0003&itemstep=1&itemx=26 (letzter Zugriff 17.02.2021)

[2]
https://www.artsy.net/article/artsy-editorial-woman-renaissances-famous-record-art-history (letzter Zugriff 17.02.2021)

[3]
https://tito0107.livejournal.com/1680545.html (letzter Zugriff 17.02.2021)

https://www.thoughtco.com/women-artists-of-the-sixteenth-century-3528419 (letzter Zugriff 17.02.2021)

[4]
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Porperzia_de%27_rossi,_annunciazione.JPG (letzter Zugriff 17.02.2021)

[5]
https://www.artsy.net/article/artsy-editorial-woman-renaissances-famous-record-art-history (letzter Zugriff 17.02.2021)

[6]
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Joseph_and_wife.jpg (letzter Zugriff 17.02.2021)

[7] Kopie, Vasari, Seite 131

 

Literaturliste

Birgit Ulrike Münch, Prof. Dr. Dr. Andreas Tacke,  Künstlerinnen- Neue Perspektiven auf ein Forschungsfeld der Vormoderne,  4. Kunsthistorische Forum Irsee, Irsee 2016.

 
Christina Strunck, Hofkünstlerinnen. Weibliche Karrierestrategien an den Höfen der Frühen Neuzeit. in:  Künstlerinnen: Neue Perspektiven auf ein Forschungsfeld der Vormoderne, hg. Dr. Birgit Ulrike Münch. Petersberg 2017, S. 20-37
 
Sabine Feser und Victoria Lorini, Giorgio Vasari, Die Leben der Bildhauer des Cinquecento. Neu übersetzt und kommentiert, Berlin  2020.
 
Léon de Engelhorn Tinseau, Auf steinigen Pfaden: Künstlerinnen zwischen Renaissance und Aufklärung. Frankreich 1893. Autorisierte Übersetzung aus dem Französischen von Dora Paul, erschienen in Engelhorn’s Allgemeine Romanbibliothek , Neunter Jahrgang, Band 16, Stuttgart 1905.
 
Linda Nochlin, Why Have There Been No Great Women Artists?, in: Woman in Sexist Society. Studies in Power and Powerlessness, in: hg. v.  Vivian Gornick und Barbara   Moran und ARTnews 1971.
 
Thomas Blisniewski,  Die Entdeckung der Frauen in der Renaissance – Herrscherinnen, Künstlerinnen, Lebedamen, München 2011. 
 
Volker Kapp, Italienische Literaturgeschichte. Berlin 1992.
 

Allgemeine Linkliste für Blog Properzia de‘ Rossi

Arthur Graf Gobineau, Die Renaissance, Berlin, 1913

Properzia de‘ Rossi Video:  Bildhauerinnen – Schöpferinnen von Kunst in Stein, Doku F 2017 von Emilie Valentin,
Aufnahme: ARTE 09.09.2018 (letzter Zugriff 17.02.2021)

Museen für Blog Properzia de’ Rossi

Bologna:
Museo Civico Medievale Bologna, Italien.

Museo di San Petronio, Bologna, Italien.

Florenz:
Museo Civico Medievale Florenz, Italien.

London:
British Museum, London, England.

Layout, Texte und Bilder von Gabriele Ludwig-Dizinger

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