Fotografinnen des 18. und 19. Jahrhunderts

Anna Atkins
julia margaret cameron

Inspirierende Erfolgsgeschichten und faszinierende Fähigkeiten von zwei Fotografinnen aus der viktorianischen Ära.

Zwei Fotografinnen gegen die Konventionen ihrer Zeit

„Es geht [immer] darum, dass ich ein Mädchen bin […] warum ist das so wichtig?“ 

Diese Äußerung, die der Protagonistin der erfolgreichen Netflix Serie, „Das Damengambit“ Beth Harmon in den Mund gelegt wird, ist auch auf die Fotografinnen zu übertragen, die wir Euch vorstellen möchten: Anna Atkins und Julia Margaret Cameron. Diese Namen sind den meisten leider noch fremd, jedoch haben sie für viel Innovation und Wirbel gesorgt. Schließlich geht es um DIE ersten zwei Fotografinnen im frühen 19. Jahrhundert. Anna Atkins brachte als erste ein fotografisch illustriertes Buch heraus und hatte mit ihren Forschungen in der Naturwissenschaft ihren Durchbruch. Auch Julia Margaret Cameron sorgte für eine neue Sichtweise in der Fotografie, welche durch ihre männlichen Konkurrenten als unkonventionell abgeschrieben wurde. 

Atkins und Camerons Arbeiten sind nicht deswegen großartig, weil sie von Frauen geschaffen wurden. Ihre Arbeiten sind ohne Einschränkungen großartig. Und genau diese sexuelle Gleichgültigkeit, ob Frau oder Mann, sowohl in der Wissenschaft als auch in der Kunst, zeigt sich in ihren Werken. Jedoch waren sie trotzdem mit vielerlei Schwierigkeiten und Kritik konfrontiert und mussten sich ihren Status und ihren Platz in der Gesellschaft hart erkämpfen. Sie machten aus ihrer Situation das Beste und arbeiteten durch die Schwierigkeiten hindurch. Somit ebneten sie den Weg für viele Nachfolgerinnen.

Anna Atkins: von der Wissenschaft in die Kunst

Unbekannter Fotograf, Portrait of Anna Atkins, albumen print, 1861, Major Richard W. Edmeades Collection, © gemeinfrei
Unbekannter Fotograf, Portrait of Anna Atkins, albumen print, 1861, Major Richard W. Edmeades Collection, © gemeinfrei

 Anna Atkins (1799 -1871) ist an erster Stelle für ihre wissenschaftlichen Arbeiten in der Naturwissenschaft und ihre Forschungen bekannt sowie für ihre künstlerischen Arbeiten. Es war damals undenkbar, dass Frauen sich als Fotografinnen und Wissenschaftlerinnen qualifizieren, und ferner akzeptiert und anerkannt werden konnten. Angesichts der Umstände scheint es alles andere als einfach gewesen zu sein und trotzdem schaffte es Atkins nicht nur, Forschungen zu betreiben, sondern mit diesen Forschungen auch in die Geschichte einzugehen. 

Leider gibt es keine genauen Dokumentationen zu ihrem beruflichen Werdegang und ihrem Leben. So viel weiß man aber: Atkins war ein Einzelkind, das von ihrem Vater großgezogen wurde, da ihre Mutter bei der Geburt starb.¹ Daher ist ihr Vater, John George Children (1777 – 1852), ihre einzige und wichtigste Bezugsperson gewesen. Genau wie ihr Vater interessierte sich auch Atkins für Naturwissenschaften. Zu ihrem Studium gibt es leider keine Angaben, jedoch war es Frauen in England erst ab 1869 möglich, an einer Universität zu studieren; nicht jede Frau hatte demnach die Möglichkeit, sich weiterzubilden.² Daraus ist zu schließen, dass Atkins entweder durch ihren Vater, ebenfalls einem Wissenschaftler, gefördert wurde, oder aber, dass sie studieren konnte. Ihr Vater war ein einflussreicher Mann mit einer hohen Position, der Anna auch in diese Kreise eingeführt haben könnte.³ Er war zum Beispiel Mitglied in einer Gelehrtengesellschaft, der Royal Society of London for Improving Natural Knowledge. ⁴ Jedoch geht man eher davon aus, dass ihr Vater sie unterrichtet hat. ⁵ Dass Väter ihre Töchter unterrichten, ist kein unbekanntes Motiv. Oft sieht man dies bei Künstlerinnen der Frühen Neuzeit, zum Beispiel Lavinia Fontana und vielen weiteren.

Durch die Kontakte ihres Vaters lernte Anna auch einflussreiche Männer wie Sir John Hershell und William Henry Fox Talbot kennen.⁶ Beide dieser Männer hatten ein fotografisches Verfahren entwickelt, das Anna erlernte und für verschiedene Zwecke einsetzte, etwa Forschung, Übung und Dokumentation. Dadurch wurde sie zur ersten weiblichen Fotografin und somit eine Inspiration für viele weitere Frauen.⁷

Als Künstlerin war sie sehr begabt, auch wenn das eher ihr zweiter Beruf war. Sie fertigte für das Werk „Genera of Shells“ von Jean Lamarck, das 1823 von John George Children übersetzt wurde, über 200 Muschelzeichnungen an.⁸ Den Vorteil, den Atkins hatte, war dass sie sich in gehobener Gesellschaft bewegte und dadurch mit vielen einflussreichen Menschen Kontakte knüpfen konnte. Auch wenn sie diese Privilegien genoss, bedeutet das nicht, dass die Unterstützung der Männer sie so erfolgreich machten. Es waren ihr Talent und ihre Intelligenz, die sie so weit gebracht hatten. Nachdem sie das Verfahren der Cyanotypie innerhalb eines Jahres erlernt hatte, fertigte sie eigenständig Photographien von Algen an, um die unterschiedlichen Arten zu dokumentieren und für die Nachwelt festzuhalten. In der Zeit zwischen 1843 und 1853 schuf sie eigenhändig mehr als 10.000 Cyanotypien.⁹ Bei Cyanotypien handelt es sich um Fotogramme, Fotos, die ohne Kamera und Film hergestellt werden. Man kennt sie auch als Blue-prints in der Architektur.¹⁰ Diese Fotogramme haben die Basis für das Röntgenverfahren gebildet welches 1895 von Wilhelm Roentgen entwickelt wurde.¹¹ Auch wenn Anna für ihr erstes Buch berühmt geworden ist, hat sie insgesamt sieben Werke verfasst. Nachdem sie ihr erstes Buch fertiggestellt hatte, wurde es umgehend veröffentlicht.¹² Trotz all dieser bahnbrechenden Werke von Atkins, wird sie in der Fotografiegeschichte nicht gebührend erwähnt.¹³ 

Leider bekam das Verfahren von Hershell in seiner Zeit wenig Aufmerksamkeit und es gibt keinerlei Aufzeichnungen über die Vermarktung der Bücher von Atkins. Auch lebte sie später zurückgezogen und forschte weiter.¹⁴ Trotzdem wurden ihre Werke und das Verfahren Jahre später wiederentdeckt.

¹ Schaaf, Larry 2004.

² Costas 1995, S.496.

³ Schaaf 2004.

⁴ Schaaf 2004.

⁵ Smith 2018, S.87.

⁶ Siegel 2019, S.334-336.

⁷ Boom 2019, S.163.

⁸ Schaaf 2004. 

⁹ Boom 2019, S.163.

¹⁰ http://www.photograms.org/chapter02.html

¹¹ https://lvrlandesmuseumbonn.wordpress.com/2020/01/16/auf-den-spuren-der-kameralosen-fotografie/

¹²  Siegel 2019, S. 334-336.

¹³ Schaaf 2004, S.1-2.

¹⁴ Schaaf 2004, S.1-2.

1995-5024_2

Anna Atkins, ‚British Ferns‘ insert from ‚Cyanotypes of British and Foreign Ferns‘, 1853 ‚British Ferns‘ insert from the album ‚Cyanotypes of British and Foreign Ferns‘
© National Media Museum, Bradford / SSPL. Creative Commons BY-NC-SA
Science Museum Group Collection
1995-5024/97

Anna Atkins, Cyanotype, from ‚Cyanotypes of British and Foreign Ferns‘ A cyanotype of a fern from Ceylon, from the album ‚Cyanotypes of British and Foreign Ferns‘
© National Media Museum, Bradford / SSPL. Creative Commons BY-NC-SA
Science Museum Group Collection
1995-5024/3
Anna Atkins, Cyanotype of Athyrium filix-femina, 1853 A cyanotype, of Athyrium filix-femina from the album 'Cyanotypes of British and Foreign Ferns'
© National Media Museum, Bradford / SSPL. Creative Commons BY-NC-SA
Science Museum Group Collection

Anna Atkins, Cyanotype of Athyrium filix-femina, 1853 A cyanotype, of Athyrium filix-femina from the album ‚Cyanotypes of British and Foreign Ferns‘
© National Media Museum, Bradford / SSPL. Creative Commons BY-NC-SA
Science Museum Group Collection
1995-5024/27

Anna Atkins, Cyanotype of Asplenium viride, 1853 A cyanotype of Asplenium viride, from the album ‚Cyanotypes of British and Foreign Ferns‘
© National Media Museum, Bradford / SSPL. Creative Commons BY-NC-SA
Science Museum Group Collection
1995-5024/14

Anna Atkins, Cyanotype of Aspidium lobatum, 1853 A cyanotype of Aspidium lobatum, from ‚Cyanotypes of British and Foreign Ferns‘
© National Media Museum, Bradford / SSPL. Creative Commons BY-NC-SA
Science Museum Group Collection

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https://www.youtube.com/watch?v=1I7XfYkxP5I

Blueprint Tutorial

How to Cyanotype – Ein Video indem das Verfahren gezeigt und erklärt wird für experimentierfreudige Leser/innen. 

Julia Margaret Cameron: Leben und Schaffen

 Von der künstlerischen Wissenschaftlerin Anna Atkins zu einer weiteren Fotografin aus der viktorianischen Ära: Julia Margaret Cameron.

Sie begann 1863 mit ihrer Arbeit und schuf ein neues Genre in der fast 25-jährigen Geschichte der Fotografie, indem sie sich durch eine eigene Bildsprache auf den bestehenden literarischen und kunsthistorischen Kanon bezog. Cameron war eine gelehrte, zutiefst fromme Frau der oberen Mittelklasse des 19. Jahrhunderts. Erst im Alter von 48 Jahren bekam sie ihre erste Kamera als Geschenk von ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn.¹⁵

John Henry Hershel, Potrait von Julia Margaret Cameron, Albumen silver print from glass negative, 1870, Metropolitan Museum of Art, New York
© Public Domain

Julia Margaret Cameron wurde am 11 Juni 1815 als vierte von sieben Schwestern in Kalkutta geboren. Sie stammte mütterlicherseits aus einer französischen Adelsfamilie. Dank dieser genoss sie eine Ausbildung in Europa, hauptsächlich in Frankreich. Ihr Vater war ein Beamter der East India Company. Mit 18 Jahren heiratete sie den Juristen Charles Hay Cameron und zog mit ihm auf die Isle of Wight nach England.¹⁶

So viel zu ihrer Biografie. Kommen wir jetzt zu dem viel spannenderen Teil ihres Lebens: der Fotografie. Die Neuerung des 19. Jahrhunderts wurde noch von wenigen praktiziert, da die Herstellung von Negativen und Drucken zeit- und kostenintensiv war. Aufgrund der hochgiftigen Chemikalien war außerdem ein hohes Maß an Fachwissen erforderlich.¹⁷ Aber trotz der Herausforderungen bemühte sich Cameron, neue Techniken zu lernen und auszuprobieren. Zwischen 1864 und 1875 machte sie in ihrem Atelier, einem umgebauten Hühnerstall auf der Isle of Wight, hunderte Fotos. Dabei kristallisierte sich ihr individueller Stil heraus, der zu ihrem Markenzeichen wurde. Cameron fotografierte absichtlich unscharf und fügte Kratzer, Flecken und anderen Spuren wie Fingerabdrücke hinzu. ¹⁸ Eine andere technische Eigenheit von Cameron ist die Kameraeinstellung. Sie hat sie so weit eingestellt, dass sich das Licht gleichmäßig über das Motiv verteilt und die Gesichtszüge und die Kleidung schärfer werden. Dabei war auch die Stärke des Lichteinfalls wichtig, er ist bei ihren Bildern sehr hoch, damit eine dramatischere Stimmung entsteht. Camerons Bilder waren größer als die bis dahin bekannten Fotografien, anfangs 23×28 und später 30×38 Zoll groß. Dadurch dass die herkömmliche Größe eigentlich circa 89×10 cm betrug, müssen ihre Werke noch dramatischer auf den zeitgenössischen Betrachter gewirkt haben.

Wie wir bereits festgestellt haben, sind Camerons Fotografien bekannt dafür, etwas verwischt und körnig erscheinen zu lassen – und das mit Absicht. Aber wieso überhaupt? Es hat etwas mit den Inspirationen zu tun, die sie für ihre Werke hatte. Es war oft die Malerei von alten Meistern wie Raffael oder Michelangelo die sie neu interpretierte. Und um sich dem gemalten Bild anzunähern macht das Verwischen durchaus Sinn. Die Realität, wie sie durch die Fotografie fast exakt wiedergegeben wird, bildet doch einen Unterschied zu einem mit Ölfarbe und Pinsel gemalten Bild. Und diesem wollte sich Cameron auf ihre Weise annähern. So auch durch starke Hell-Dunkel Kontraste, wie man sie in Raffaels Gemälden findet. Dieses Spiel mit den spezifischen Ausdrucksweisen der Malerei wird später als Piktorialismus definiert. Es entstand da sich die ersten Fotograf*innen an den bisher bekannten Kunstwerken in der Malerei einerseits orientierten aber sich eben auch mit ihrer neuen Kunstform beweisen wollten.¹⁹ Hierzu gibt es ein passendes Zitat von Julia Margaret Cameron

„My aspirations are to ennoble Photography and to secure for it the character and uses of High Art combining the real & ideal and sacrificing nothing of Truth by all possible devotion to Poetry and beauty,“ ²

Vivien and Merlin, Julia Margaret Cameron, Albumen Silverprint, 1874.

Vivien and Merlin, Julia Margaret Cameron, Albumen Silverprint, 1874.

 Allerdings erkannte nicht jeder die wohlüberlegte Absicht hinter Camerons Technik. So gab es auch einige Kritiker, die ihren Stil hinterfragen. Colin Ford,²¹ ein Fotohistoriker, suggerierte sogar, dass Camerons spezielle Arbeitsweise auf eine Sehbehinderung ihrerseits zurückzuführen sei.²² In verschiedenen Magazinen unter anderem dem Photographic Journal wurde über sie geschrieben.  Es heißt an einer Stelle beispielsweise über ihre Bilder „(…) alles Gute in der Fotografie wurde vernachlässigt und die Unzulänglichkeiten der Kunst werden prominent zur Schau gestellt“. Der deutsche Fotochemiker Wilhelm Vogel sagte nach einer Veranstaltung bei der Camerons Fotografien eine Goldmedaille gewannen, dass sie eher wie stümperhafte Schülerarbeiten als Meisterwerke wirken würden.²³ 

Trotz einiger Kritik, die sie erfahren hat, wurde sie aber auch zu ihren Lebzeiten bereits für ihre Arbeiten gefeiert und so verwundert es kaum, dass  gewichtige Persönlichkeiten wie der Forscher Charles Darwin, der Sozialkritiker Thomas Carlyle, der Dichter Robert Browning und viele andere für sie posierten.²⁴

Tatsächlich lichtete sie jedoch in den meisten ihrer Bilder Frauen ab. Dabei portraitierte auch in allegorischen Rollen. Literarische Inspirationen für Cameron waren unter anderem Shakespeare, aber auch ihr Nachbar Alfred Tennyson, ein bekannter Dichter und Schriftsteller seiner Zeit. Auch biblische Bezüge sind in vielen Fotos von ihr zu finden, und ihre Nichten fotografierte sie z.B. als Engelchen.

Angel of the Nativity, Julia Margaret Cameron, Albumen silver print, 1872, The J. Paul-Getty-Museum, Los Angeles.

Angel of the Nativity, Julia Margaret Cameron, Albumen silver print, 1872, The J. Paul-Getty-Museum, Los Angeles.
Holy Family, Julia Margaret Cameron, Albumen silver print, 1872, The J. Paul Getty Museum, Los Angeles.

Holy Family, Julia Margaret Cameron, Albumen silver print, 1872, The J. Paul Getty Museum, Los Angeles.

Ihr Hausmädchen Mary Hillier wurde wiederum in einer Fotografie zu einer Madonna, die begleitet wurde von zwei Kindern aus der Nachbarschaft, die Jesus und Johannes den Täufer darstellen sollten.²⁶

Der historische Kontext bei Camerons Werken ist für uns natürlich besonders in Bezug auf die Rolle der Frau interessant.  Die Bilder wurden in einer Zeit aufgenommen, in der sich auch Englands Gesellschaft, Wirtschaft und Technologie weiterentwickelte und akzeptierte Dogmen wie Geschlechterrollen in Frage stellten.²⁷

Im viktorianischen England war das Bild der Frau als Hausfrau und Mutter sehr präsent und wie in viele andere Berufsfelder war auch die Fotografie eher eine Männerdomäne.²⁸

In unserem Podcast geht es unter anderem auch um ein Werk, in dem man erkennt, wie dies in Camerons Fotografie gespiegelt wird. Nicht nur, dass sie speziell Frauen in den Mittelpunkt stellte, sie positionierte ihre weiblichen Modelle auch gerne auf eine Weise, die traditionell üblicher für Männer gewesen wäre. Hört dazu doch gerne noch in unseren Podcast rein.

¹⁵ Wolf 1999, S.9

¹⁶ Schaaf 2004, S.1-2.

¹⁷ Wolf 1999, S.9

¹⁸ Wolf 1999, S.9

¹⁹ Hauswald 2018, S.26-29.

²⁰ Hauswald 2018, S.29.

²¹ Gerhard 1988, S.48.

²² Gerhard 1988, S.48

²³ www.metmuseum.org/toah/hd/camr/hd_camr.htm

²⁴ Wolf 1999, S.10.

²⁵ Wolf 1998, S.18.

²⁶ https://www.metmuseum.org/toah/hd/camr/hd_camr.htm

²⁷ Wolf 1999, S.11.

²⁸ Matzer 2018, S.6.

Julia Margaret Cameron,

Julia Margaret Cameron, „The Rosebud Garden of Girls (les soeurs Fraser Tytler), 1868“. Photographie (1815-1879). Paris, maison Victor-Hugo.²⁷

Einige wichtige Werke von Cameron

Diese Fotografie von Julia Margaret Cameron wurde im Juni 18 8 in Freshwater auf der Isle of Wight in England angefertigt. Es handelt sich um einen 29,4 x 26,7 cm großen Silberdruck. 

Die Modelle auf dem Bild sind die Fraser-Tytler Schwestern, Nelly, Christiana, Mary und Ethel. Sie besuchten zu dieser Zeit die Residenz Farringford von Alfred Tennyson, einem Freund von Cameron. Sie wirken nahezu ätherisch mit ihren offenen fliegenden Haaren und der Stil erinnert an die Schule der Präraffaeliten, mit denen Cameron auch verbunden war. Die Malerschule der Präraffaeliten bildete sich in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Die Themen ihrer Bilder weisen, ebenso wie Camerons Fotografien, religiöse und spirituelle Bezüge auf.. Die Familie eines Mitbegründers der Bewegung, die Rossettis, war mit ihr befreundet. Außerdem portraitierte sie William Holman Hunt, ebenfalls ein Mitbegründer.²⁹

Der Titel des Fotos entstammt einem Gedicht von Tennyson, „Maud“ aus dem Jahre 1855. Ein Ausschnitt: 

Queen rose of the rosebud

garden of girls

Come hither , the dances are done,

In gloss and satin and glimmer

of pearls,

Queen lily and rose in one

In der viktorianischen Kunst wurden Blumen oft als Metaphern für feminine Charakteristika verwendet. So steht die Lilie für Reinheit, die Rose für Schönheit und die Rosenknospe für Jugend.³⁰ Wie zuvor erklärt wurde, war die Darstellung der Weiblichkeit ein wichtiger Aspekt für Cameron bei ihren Werken und ist hier auch klar erkennbar durch die Blumen, die wallenden Haare der Frauen und den Kleidern. Es hat etwas Verträumtes an sich, da keine der Frauen in die Kamera blickt, sondern alle in unterschiedliche Richtungen gucken. Die Stimmung ist nicht gerade fröhlich, eher melancholisch, auch durch die Gesichtsausdrücke. Aber genau diese Stimmung finden wir so schön bei dem Foto.

Auch der Stil, für den die Fotografin bekannt ist, findet sich wieder. In den verschwommenen, teils verwischten Stellen, wie bei den Blumen die die zweite Frau von links hält, oder auch an den äußeren Rändern des Bildes. 

²⁹ Shires 1995, S. 106–125.

³⁰ Wolf 1998, S.53; S.213; S. 221; S.225

Dieses Werk wurde ebenfalls auf der Isle of Wight in England fotografiert, im Jahre 1866. Es ist ein 33,8 x 26,4 cm großer Silberdruck und befindet sich im National Museum of Photography, Film & Television in Bradford.

Cameron kannte die meisten ihre Modelle bereits seit deren frühester Kindheit und sah sie aufwachsen. So auch diese junge Frau: May Prinsep. Die Fotografin sprach von ihren italienischen Zügen und fotografierte sie mehrmals zwischen 1866 und 1874. Aber auch andere ihrer Fotomodelle wurden in ähnlicher Pose mit unterschiedlichen Haartüchern auf charakteristische Weise dargestellt. So gibt es mindestens fünf Fotografien mit dem Namen „Study of Beatrice Cenci“.

Ganz ursprünglich kennt man den Charakter der Beatrice Cenci aus einer überlieferten Geschichte aus dem 16. Jahrhundert. Darin geht es um Beatrice Cenci, der Tochter des römischen Grafen? Francesco Cenci, welcher seine Frau und Kinder terrorisierte. Laut den Überlieferungen soll er zudem Beatrice sexuell missbraucht haben.³¹ Mit ihrer Stiefmutter und ihren Brüdern schmiedet Beatrice ein Komplott gegen den Vater und sie lassen ihn ermorden. Es endet jedoch tragisch: Sie werden entdeckt und Beatrice wird schlussendlich von Papst Clemens VIII zum Tode verurteilt.³²

In der Kunst wurde diese Geschichte immer wieder aufgegriffen. Es gibt zum Beispiel ein gleichnamiges Gemälde von Guido Reni aus dem Jahre 1635. Cameron war zwar selbst nicht im Palazzo Barberini, um das Gemälde von Reni zu betrachten, kannte es jedoch aus Replikationen oder Erzählungen.³³

In dem Gemälde sieht man eine Frau mit einem drapierten Kopftuch, die im Halbprofil das Gesicht zum Betrachter wendet. Im Gegensatz zu Renis Werk, hat Mary Prinsep in Camerons Fotografie die Augen gesenkt und ihre Haare hängen wesentlich auffälliger unter dem Tuch auf ihrem Kopf hervor. Außerdem fällt auf, dass die Frau in Renis Gemälde ihren Kopf nach hinten über die Schulter dreht, während in Cameron Fotografie der Kopf eine weniger starke Drehung macht.

Aber auch das Theaterstück „The Cenci“ von Percy Bysshe Shelley welches 1819 uraufgeführt wurde, hat Cameron wohl angeregt.³⁴ 

Uns haben diese Studien über Beatrice Cenci von Cameron an den Instagram-Trend erinnert, in dem berühmte Gemälde wie das Mädchen mit dem Perlenohrring von Jan Vermeer nachgestellt wurden. Der Trend ist wohl doch nicht so neu…

³¹ Wolf 1998, S.59

³² Wolf 1998, S.18-20; S.58-60; S.223; S.225; S.22.

³³ Ebd

³⁴ Hoving 2003, S.52.

Pictures From A Glass House

Das animierte Leben von Julia Margaret Cameron von der San Francisco Museum of Art.

Ein kurzes und unterhaltsames Video über das Leben der Fotografin, visualisiert. 

Ob es um die Wissenschaft, oder um neue Techniken in der Fotografie geht, unsere Fotografinnen waren die einzigen und ersten im frühen 19. Jahrhundert. Indem sie konventionelle Regeln durchbrachen, bereiteten sie den Weg für viele weitere Nachfolgerinnen vor. Die geltenden Konventionen für Frauen waren und sind einschränkend. Es handelt sich um ein tief verwurzeltes gesellschaftliches Bild, welches Frauen als Hausfrauen, Mütter und vor allem Fürsorge-tragende sieht. Bis zu einem gewissen Grad hat sich dies geändert und es wäre nicht möglich gewesen, wenn es nicht schon immer Frauen gegeben hätte, die sich gegen das Patriarchat aufgelehnt haben, ob bewusst feministisch oder auch nicht. Frauen wie Anna Atkins, die wissenschaftliche Errungenschaften wie das Röntgen mit vorbereitet haben.³⁵

Ganz entgegen dem (leider noch zu verbreiteten) Bild von Frauen, die ja keine Ahnung von Technik hätten.

Es brauchte Frauen wie Julia Margaret Cameron, die es trotz ihrer vielen Kinder und ihrem fortgeschrittenen Alter schaffte, innerhalb von 12 Jahren mehr als 900 herausragende Fotografien zu veröffentlichen.³⁶ Fotografien, die Geschichten neu erzählen und in der komplett neuen Kunstform der Fotografie hervorstachen.

Es hat uns sehr gefreut euch einen Teil der Fotografiegeschichte mit einem Blick auf Frauen in diesem Bereich ein bisschen näher zu bringen!

³⁵ https://www.photograms.org/Chapter-2.htm?m=83%26s=749

³⁶ https://www.metmuseum.org/toah/hd/camr/hd_camr.htm

Literaturangabe

Boom, Rooseboom 2019

Boom. Mattie; Rooseboom, Hans, „„Acquisitions: Photographs – Anna Atkins to Anne Greene“, in: RIJKSMUSEUM BULLETIN, 67 2 (2019), S.162-191.

Costas 1995

Costas, Ilse, „Die Öffnung der Universitäten für Frauen – Ein internationaler Vergleich für die Zeit vor 1914“, in: Leviathan, Vol. 23, No.4 (1995),  S.496-516.

Gerhard 1988

Gerhard, Joseph, „Poetic and Photographic Frames: Tennyson and Julia Margaret Cameron“ In: Tennyson Research Bulletin, Vol. 5, No. 2 (1988), S. 43-48.

Hauswald 2018

Hauswald, Cathrin, “Alvin Langdon Coburn: Photographie zwischen Piktorialismus und Moderne“, transcript Verlag, Bielefeld, (2018), S.26-29.

Matzer 2018 

Matzer, Ulrike, „Eine Gender-Analyse von Fotografie-Historiografien am Beispiel zweier Berufsfotografinnen in Wien“, Dissertation Kunst- und Kulturwissenschaftliche Studien, Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften der Akademie der bildenden Künste Wien, (2018), S.6

Schaaf 2004

Schaaf, Larry, „Atkins [née Children], Anna (1799-1871), botanist and photographic artist, in: Oxford Dictionary of National Biography, 2004.

Shrines 1995

Shrines, Linda M., „Glass House Visionary: Julia Margaret Cameron Among the Writers“ in: The Princeton University Library Chronicle, Vol.57, No.1 (1995), S. 106-125.

Siegel 2019

Siegel, Steffen, „Sun Gardens. Cyanotypes by Anna Atkins“, in: HISTORY OF PHOTOGRAPHY, 43, 3 (2019), S334-336.

Smith 2018

Smith, Julia, „The Bluest Blues. Anna Atkins and the first Book of Photographs“, in: Publishers Weekly, Vol. 265 Issue 43 (2018), S.87.

Wolf 1998

Wolf, Sylvia, „Julia Margaret Cameron’s Women“ in: Art Institute of Chicago; Yale University Press (1998), S.53; S.213; S. 221; S.225.

Wolf 1999

Wolf, Sylvia, „Modern Medium / Modern Artist Julia Margaret Cameron’ Photographs of Women“ in: The Museum of Modern Art, Vol.2, No.2 (1999), S.8-11.

Hoving 2003

Hoving, Kirsten A, “‘Flashing thro‘ the Gloom’: Julia Margaret Cameron’s ‘Eccentricity’”, in: History of Photography, Issue 27 (2003), S.45-59.

Online Ressourcen

https://www.metmuseum.org/toah/hd/camr/hd_camr.htm (Letzter Zugriff: 15.03.2021)

https://www.photograms.org/Chapter-2.htm?m=83%26s=749 (Letzter Zugriff: 15.03.2021)

http://www.photograms.org/chapter02.html (Letzter Zugriff: 23.03.2021)

https://lvrlandesmuseumbonn.wordpress.com/2020/01/16/auf-den-spuren-der-kameralosen-fotografie/ (Letzter Zugriff: 23.03.2021)

https://www.kettererkunst.de/bio/julia-margaret-cameron-1815.php (Letzter Zugriff: 23.03.2021)

Abbildungsnachweise

Abb.1: © https://en.wikipedia.org/wiki/Anna_Atkins#/media/File:Anna_Atkins_1861.jpg (Letzter Zugriff am 12.03.2021)

Abb.2: © National Media Museum, Bradford / SSPL. Creative Commons BY-NC-SA Science Museum Group Collection. https://collection.sciencemuseumgroup.org.uk/objects/co416960/album-of-cyanotypes-of-british-and-foreign-ferns-album-cyanotype (Letzter Zugriff am 12.03.2021)

Abb.3: © National Media Museum, Bradford / SSPL. Creative Commons BY-NC-SA Science Museum Group Collection. https://collection.sciencemuseumgroup.org.uk/objects/co416960/album-of-cyanotypes-of-british-and-foreign-ferns-album-cyanotype (Letzter Zugriff am 12.03.2021)

Abb.4: © National Media Museum, Bradford / SSPL. Creative Commons BY-NC-SA Science Museum Group Collection. https://collection.sciencemuseumgroup.org.uk/objects/co416960/album-of-cyanotypes-of-british-and-foreign-ferns-album-cyanotype (Letzter Zugriff am 12.03.2021)

Abb.5: © National Media Museum, Bradford / SSPL. Creative Commons BY-NC-SA Science Museum Group Collection. https://collection.sciencemuseumgroup.org.uk/objects/co416960/album-of-cyanotypes-of-british-and-foreign-ferns-album-cyanotype (Letzter Zugriff am12.03.2021)

Abb.6: © National Media Museum, Bradford / SSPL. Creative Commons BY-NC-SA Science Museum Group Collection. https://collection.sciencemuseumgroup.org.uk/objects/co416960/album-of-cyanotypes-of-british-and-foreign-ferns-album-cyanotype (Letzter Zugriff am 12.03.2021) 

Abb.7: © National Media Museum, Bradford / SSPL. Creative Commons BY-NC-SA Science Museum Group Collection. https://collection.sciencemuseumgroup.org.uk/objects/co416960/album-of-cyanotypes-of-british-and-foreign-ferns-album-cyanotype (Letzter Zugriff am 12.03.2021)

Abb.8: © https://www.metmuseum.org/art/collection/search/268692 (Letzter Zugriff am 12.03.2021) 

Abb.9: © Open Access MET Museum https://www.metmuseum.org/art/collection/search/282118 (Letzter Zugriff am 12.03.2021) 

Abb.10: © Open Access Getty https://www.getty.edu/art/collection/objects/58719/julia-margaret-cameron-angel-of-the-nativity-british-1872/ (Letzter Zugriff am 12.03.2021)

Abb.11: © Open Access Getty http://www.getty.edu/art/collection/objects/58839/julia-margaret-cameron-holy-family-british-1872/ (Letzter Zugriff am 12.03.2021)

Abb.12: © https://www.moma.org/documents/moma_catalogue_181_300296410.pdf (Letzter Zugriff am 12.03.202)

Abb.13: © https://www.moma.org/documents/moma_catalogue_181_300296410.pdf (Letzter Zugriff am 2.03.2021)

Abb.: © ConedaKOR Frankfurt, Goethe-Universität Frankfurt am Main, Kunstgeschichtliches Institut.

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